Seite 1: Samsung Galaxy S9+ im Test (1/3): SoC und Design sind keine Argumente

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Auf das komplett neue Galaxy S8 folgt das nur leicht aufgefrischte Galaxy S9. Mit neuem SoC und neuer Kamera soll der Erfolg des Vorgängers wiederholt, im besten Fall sogar übertroffen werden. Doch garantiert ist das nicht, wie erste Reaktionen unmittelbar nach der Vorstellung des Smartphones zeigen. Und selbst Samsung scheint sich nicht allein auf die Qualitäten seines Flaggschiffs verlassen zu wollen. Diesen Schluss lässt zumindest ein umfangreiches Trade-in-Programm zu. Ob die Schwarzmalerei angebracht oder das Galaxy S9 am Ende doch mehr als nur ein S8 2.0 ist, zeigt der erste Teil des Tests des Galaxy S9+.

Im Mittelpunkt stehen dabei Leistung und Gehäuse - zwei Punkte, die beim Galaxy S9 und Galaxy S9+ kaum widersprüchlicher sein könnten. Erstere ist das Ergebnis eines komplett neuen SoCs, letzteres könnte fast aus dem letzten Jahr stammen. Dass es zunächst nur um diese beiden Bestandteile geht und zum Ende des Embargos kein kompletter Test erscheint, ist dem Zeitpunkt geschuldet, zu dem wir unser Testmuster erhalten haben. Innerhalb von nur vier Tagen wäre das übliche Testprozedere nicht durchführbar gewesen.

Wer mit dem Kauf des Galaxy S9 oder Galaxy S9+ liebäugelt, muss sich selbst im Vorfeld mehr Fragen als bei früheren Samsung-Smartphones stellen.

Vergleichsweise einfach wird es, wenn die Wahl auf das kleinere der beiden neuen Smartphone gefallen ist. Denn das Galaxy S9 wird nur mit 64 GB internem Speicher angeboten. Zu klären ist somit nur, ob es das Single- oder Dual-SIM-Modell werden und welche der drei Farben - Midnight Black, Lilac Purple, Coral Blue - es werden sein soll. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt unabhängig von den gewählten Optionen bei 849 Euro.

Soll es hingegen das Galaxy S9+ werden, wird es komplizierter. Auch hier bietet Samsung eine Single- und Dual-SIM-Variante sowie drei Farben. Allerdings steht auch eine 256-GB-Version zur Verfügung, für die aber zwingend zum Dual-SIM-Modell gegriffen werden muss. Worin genau der Zusammenhang besteht, ist unbekannt. Für 64 GB internen Speicher müssen unverbindliche 949 Euro gezahlt werden, für 256 GB hingegen 1.049 Euro.

Der Exynos 9810 ist die Antwort auf den Snapdragon 845

Unabhängig davon, für welche Variante man sich entscheidet, ist immer der neue Exynos 9810 verbaut. Der von Samsung selbstentwickelte SoC wurde bereits Anfang Januar vorgestellt und folgt auf das bisherige Topmodell 8895. Wie üblich gibt die SoC-Nummer keinen Hinweis darauf, wie groß der technologische Sprung ausfällt. Dass es aber nicht nur ein kleiner Hüpfer ist, zeigen die Details. Wie beim Vorgänger setzt Samsung beim CPU-Part auf zwei Cluster, die nun aber mit Kernen vom Typ ARM Cortex-A55 und Exynos M3 bestückt sind. Zudem kommt erstmals in einem Exynos-SoC die von ARM entwickelte DynamiQ-Technik zum Einsatz. Die erlaubt einen deutlich flexibleren Aufbau der einzelnen Cluster, unter anderem können nun unterschiedliche CPU-Modelle innerhalb eines Clusters verbaut werden. Samsung selbst nutzt diese Möglichkeit nicht und äußert sich bislang auch nicht dazu, welche anderen Vorteile der neuen Technik, die Big.Little ein Stück weit ablöst, zum Einsatz kommen. So ist offen, ob der neue Interconnect verwendet wird und inwiefern die erweiterten Möglichkeiten zur Spannungsversorgung vorhanden sind. Ein sehr großes Fragezeichen steht zudem hinter dem Exynos M3. Ob es sich dabei um einen angepassten ARM Cortex-A75 oder doch tatsächlich einen komplett selbst entwickelten Kern handelt, ist auch zwei Monate nach der Vorstellung unklar.

Fest steht hingegen, dass der Exynos 9810 nicht das volle Potential des Exynos M3 abruft. Denn im Januar warb Samsung noch mit einem Spitzentakt von 2,9 GHz, im Galaxy S9 und Galaxy S9+ werden jedoch nur 2,7 GHz erreicht. Das gilt aber auch nur für einen einzelnen Exynos M3. Werden zwei der vier schnellen Kerne, die das Performance Cluster bilden, ausgelastet, sinkt das Tempo auf maximal 2,3 GHz. Liegt Volllast auf allen vier Kernen an, sinkt die Taktrate auf 1,7 GHz. Grund hierfür dürfte in erste Linie die Temperatur sein, die andernfalls kritische Höhen erreichen dürfte. Aber auch so kann Samsung eine Drosselung nicht vermeiden. Im 15-minütigen Volllasttest ging die Leistung auf 83 % des maximal Möglichen zurück.

Werden die vier Exynos M3 hingegen nur kurze Zeit gefordert, sorgen sie für eine weit mehr als ausreichende Leistung. In der Single-Core-Betrachtung (Geekbench 4.1 und 4.2) ist lediglich Apples A11 Fusion, der unter anderem im iPhone 8 Plus (Test) steckt, schneller, das Android-Lager mitsamt Snapdragon 835 und Kirin 970 lässt man hingegen hinter sich. Gegenüber dem Galaxy S8 fällt die Leistung um etwa 80 % höher aus. Kleiner wird der Vorsprung, wenn alle Kerne gefordert werden. Gegenüber dem Snapdragon 835 und Kirin 970 beträgt das Leistungsplus rund 30 bis 40 %. Ähnlich sieht es in der AnTuTu-6-CPU-Wertung aus, das Plus liegt hier teilweise bei 50 %.

Ein kleines, aber durchaus wichtiges Detail hat Samsung bis zuletzt für sich behalten: den Takt der GPU. Die Südkoreaner setzen erneut auf ARM als Lieferanten für den Grafikpart, zum Einsatz kommt mit der Mali-G72 die aktuelle Version; im Exynos 8895 werkelte noch der Vorgänger Mali-G71. Allein ist man mit dem Grafikbeschleuniger aber nicht. Auch Huawei verwendet ihn im Kirin 970. Allerdings gibt es zwei wichtige Unterschiede: Huawei beschränkt sich auf die Ausbaustufe MP12 mit zwölf Compute Units und taktet die GPU mit bis zu 850 MHz, Samsung nutzt die Version MP18 mit 18 Compute Units und erlaubt maximal 572 MHz. Was auf dem Papier nach Gleichstand klingt, endet in der Benchmark-Praxis in einem leichten, aber unübersehbaren Vorteil für den Exynos 9810 und das Galaxy S9+. Im GFXBench (T-Rex und Manhattan, jeweils 1080p Offscreen) schneidet das Smartphone als bis dato schnelleste Android-Modell ab. Das Galaxy S8 wird um jeweils 20 % übertroffen, das Huawei Mate 10 Pro (Test) mit Kirin 970 um etwa 17 %. Gegenüber dem Snapdragon 835 fällt die GPU-Leistung etwa ein Viertel höher aus.

Aber auch in puncto GPU hat Samsung Probleme damit, die Leistung über einen längeren Zeitraum bereitzustellen. Nach 15 Minuten sank das Niveau auf etwa 80 %. Das führt am Ende dazu, dass das Galaxy S9+ in Benchmarks, die mehr Zeit oder aber nicht nur einzelne Bestandteile des Exynos 9810 in Anspruch nehmen, nicht auf dem Treppchen landet. So muss man im 3DMark (Ice Storm Unlimited und Slingshot) diverse Snapdragon-835-Smartphone vorbeiziehen lassen, obwohl die meisten davon selbst im Test mit Throtteling zu kämpfen hatten. Mit etwa 38.200 und 3.900 Punkten schneidet das Galaxy S9+ ähnliche wie das Google Pixel 2 (Test) ab. Interessanter ist jedoch, dass das Galaxy S8 im Slingshot-Setting vor einem Jahr die gleiche Wertung erreichte. Bestätigt wird das Ausdauerproblem aber auch von anderen Tests wie Basemark OS II und PCMark. In letzterem landet das neue Flaggschiff gar nur im oberen Mittelfeld.

Im Alltag dürften weder die hohe Leistung bei kurzen Lastspitzen noch die Einbrüche bei anhaltender Belastung eine spürbare Rolle spielen. Denn einerseits lässt sich auch ein Exynos 8895 und damit ein Galaxy S8 (Test) derzeit nicht an seine Grenzen bringen, andererseits ist der Exynos 9810 selbst gebremst noch schnell genug für nahezu all denkbaren Anwendungsfälle. Eine Ausnahme dürfte sicherlich der VR-Einsatz sein.

Anders als im letzten Jahr und somit bei der Generation Galaxy S8 lassen sich die Leistungsdaten aber nicht 1:1 vom Non-Plus- auf das Plus-Modell übertragen und umgekehrt. Denn zur stärkeren Differenzierung - und um vermutlich den höheren Preis zu rechtfertigen - spendiert Samsung dem Galaxy S9+ 6 GB RAM, das Galaxy S9 muss wie sein Vorgänger mit 4 GB auskommen. Auch hier gilt, dass es im Alltag derzeit keine spürbare Einschränkung gibt. Zukunftssicherer ist mit man mit dem größeren Arbeitsspeicher aber dennoch unterwegs.

Wie es sich beim internen Speicher verhält, ist noch nicht abzuschätzen. Denn nicht selten gibt es bei unterschiedlichen Kapazitäten auch Leistungsabweichungen. Zwar verbaut Samsung in allen Varianten des Galaxy S9 UFS-2.1-Speicher, eine Garantie für einheitliche Schreib- und Leseraten ist das aber nicht. Verglichen mit dem Galaxy S8 und Galaxy Note 8 (Test) hat Samsung den internen Speicher vor allem beim Schreiben beschleunigt. Laut Androbench erreicht das Galaxy S9+ mit 64 GB hier bis zu 115 MB/s, 69 % mehr als noch beim Galaxy S8 und 82 % mehr als beim Galaxy Note 8. Mit 12 und 15 % fällt die Steigerung beim Schreiben geringer aus, hier werden nun 464 MB/s erzielt. In die gleiche Richtung gehen die PCMark-Messwerte: Der Benchmark attestiert dem neuen Smartphone beim Lesen und Schreiben bis zu 692 und 138 MB/s, beim Galaxy Note 8 waren es noch 636 und 117 MB/s.

Beibehalten hat Samsung den microSD-Slot, der offiziell Karten mit bis zu 400 GB unterstützt. Wer allerdings zur Dual-SIM-Variante des Galaxy S9 oder Galaxy S9+ greift, muss sich zwischen zweiter SIM und microSD-Karte entscheiden.