Hast du dort einfach auf gut Glück Caps mit extra niedrigem ESR gesetzt oder dir die Regelung genauer angesehen?
Die Nummer ist nicht ganz trivial, wenn man den ESR ins bodenlose senkt.
Richtig, ins bodenlose senken kann halt auch problematisch werden, dann läuft die ganze Regelung Amok, fängt an unsauber zu schalten, fängt an sich aufzuschwingen oder die Zustände des ganzen Regelkreises werden so instabil, dass du z.B. auch die Spulen in die Sättigung treiben und abfackeln kannst
Was ich immer mache ist eine Bestandsaufnahme des Originals. Ich will immer sehen, wie sich die Schaltung im Werkszustand verhält und du erkennst halt recht schnell, wenn z.B. Caps gar werden oder MosFets nicht mehr sauber schalten und merkwürdige Flanken sichtbar werden etc.
Als nächstes gehe ich hin und schaue meist in den VRM Specsheets nach, welche Zielangaben der Hersteller gemacht hat und vergleiche das mit der Charakteristik des jeweiligen Caps. Sprich ist das Verhalten bei Frequenz X wie im Orignal oder haben wir einen verschobenen Punkt? Weil auch da kannst du schon grob ins Klo greifen und mit falschen Caps an der falschen Stelle läuft dir die ganze Schaltung aus der Dämpfung und fängt an sich wild zu verhalten. Ich sage nur Pana FR und Nichi UHW. Augenscheinlich in der gleichen Liga, könnten aber unterschiedlicher nicht sein.
Mit den Angaben schaut man dann halt weiter, welche Schaltfrequenzen liegen an, was liegt noch im Filterweg, z.B. im 604er VRM Designguide stehen ja auch die Kerkos genau mit aufgeschlüsselt inkl. derer Sollangaben usw. All das ergibt ja dann ein Gesamtbild aus zwei Kondensatortypen im gleichen Signalweg, die sich möglichst optimal ergänzen sollten.
Und dann kommt halt das Testen und evaluieren, denn wir haben es i.d.R. immer mit einer Design-Margin zu tun, wo der Hersteller in vielleicht 75% der Fälle einen Mittelweg beschritten hat um Kosten / Nutzen im Rahmen zu halten. Siehe bei meinem 604er Board. Obwohl ich den ESR nochmals quasi halbiert habe zum Original und sich der ESR deutlich auf die Restwelligkeit auswirkt, war der Effekt am Oszi nicht so stark wie ursprünglich erwartet. Sprich ASUS hat hier schon eine Konfiguration gesetzt, die 80% der Filterqualität mit nur 50% der Teile realisiert. Gemessen daran, was Polys damals noch gekostet haben, ein logischer Schritt, vor allem weil man innerhalb der Designspecs war.
Jetzt kann man aber natürlich mal schauen, was da noch so geht und das ist halt nur durch Testing vernünftig zu bestimmen, weil theoretisch Tante KI rechnen zu lassen ist das eine, wie sich die Schaltung am Ende wirklich verhält was völlig anderes und wenn dann noch Serienstreuung dazu kommt, kannst du nochmal ganz anders drauf schauen und grenzwertige Betriebszustände lieber nochmal etwas entschärfen um für die allgemeine Kompatibilität besser aufgestellt zu sein.
Ich habe das Board also dann erstmal mit gleicher Anzahl neuer Caps bestückt. Wieder gemessen und verglichen. Dann einseitig die Anzahl immer um +2 erhöht, immer wieder reingeschaut ins Signal. Bei 50% mehr Caps konntest du den Effekt noch recht gut verfolgen, alles danach hat kaum noch einen Einfluss gehabt, aber es wurde auch nicht schlechter.
Letzteres kann man häufig beobachten, wenn man zu straff irgendwo dran geht, dann erreicht du z.B. erst ein relativ sauberes Signal und wenn die Bestückung in die Richtung "zu straff" geht, siehst du meist zuerst Veränderungen in der ansteigenden Signalflanke, meist unregelmäßig, weil schon minimale Timingunterschiede reichen um einen Fehler mal zu kaschieren, mal darzustellen. Ist am Oszi immer sehr auffällig wenn du den Trigger im Signal umher bewegst und du bekommst ständig völlig neue Formationen angezeigt obwohl das Signal eigentlich stabil sein sollte, denn da liegt der Trigger dann manchmal auf einem "Anomaliepunkt". Gehst du dann noch weiter, verschlechtert sich das Signal weiter, es kommen wieder erste stärkere Spikes und Drops rein, bis dann irgendwann das Signal komplett anfängt zu flattern und die Schaltung komplett aus dem Ruder läuft.
Von daher... ich bin eigentlich kein Freund davon zu raten und zu hoffen, weil am Ende soll das ganze funktionieren und das Ergebnis soll so gut wie möglich sein, damit der Nutzer lange Spaß dran hat. Also gehe ich nicht hin und schmeiße auf gut Glück einfach irgendwelche Caps in den Raum, sondern schaue schon gerne rein ins Signal, rein in die Datenblätter, rein in die Engineering Dokus der Komponenten (soweit vorhanden oder freigegeben) und schaue mir genau an, was da passiert.
Das ist dann am Ende auch der Grund, warum ich gebetsmühlenartig immer wieder sage, dass nur weil bei Board A den Cap X empfehle, dass nicht auch bei Board B die beste Ersetzung sein muss. Dafür sind die Auslegungen und Abstimmungen der Platinen manchmal einfach zu grundverschieden. Deswegen ist in manchen Situationen z.B. ein Pana FR die beste Wahl und in anderen wiederum empfehle ich vielleicht einen UHV oder UHW. Manchmal wird es ein gemütlicher A750 um auf der sicheren Seite zu sein und manchmal wird ein ein Kaliber wie SEPC, RE5, PLF usw...
Und wenn ich halt nicht die Möglichkeit habe ein Board genau zu sezieren und damit Ewigkeiten zu testen, weil ich es einfach nicht da habe oder die "Behandlung" mal eilt, dann wird sich das halt angeschaut, was man da vor sich hat und auf die Erfahrung und Tests mit vergleichbaren Konfigurationen zurückgegriffen, oft mit einer gewissen Sicherheitsmargin, um den bestmöglichen Erfolg zu ermöglichen.
Ich meine, du kennst das ja, manche Boards schaust du dir an und weißt schon ohne anschließen, dass du da mit gewissen Sachen nicht reingehen brauchst. Da muss natürlich nicht immer nur auf den CPU Bereich gemünzt sein, Chipsatz, GPUs usw teilen das gleiche Leid. Noch interessanter wird es eh abseits davon, wenn wir von Ultra-Low-ESR weg gehen in Richtung Low-ESR und GP. Da handelt man sich relativ schnell Stress ein – je nach Board mit allerlei merkwürdigen Effekten. Boards die nicht mehr ausgehen oder immer an sein wollen, Boards die keine Installation mehr hinbekommen und Daten kaputt schreiben, Boards die ihre Addon Karten entweder gar nicht kennen wollen oder sie komplett sabotieren usw

Da kannst du eh nicht einfach auf gut Glück was rein schmeißen, sondern musst dir das eh schon anschauen. Bringt nichts z.B. in einem simplen Logik-/Timingkreis den 3 Ohm Cap durch einen Poly zu ersetzen nur weil er gut aussieht. Leckt wie sau, das Timing passt nicht mehr, die ganze Logik dreht durch.
TL;DR; Genau wie im echten Leben – für mache ist Kochen "In die Pfanne werfen und hoffen", aber ein Skill ist das dann nicht

Genau so halte ich es hier bei Recaps auch. Da blind rein zu gehen macht einfach keinen Sinn und ja, es kann gut gehen, es kann aber auch schief gehen. Ohne zu prüfen was man da macht und eine Datenlage zu sammeln was geht und was nicht geht, ist das nicht wirklich seriös. Es ist nicht umsonst lustig in manch anderen Foren einfach mal zu sehen, wie da pauschal immer die gleichen Caps gezogen werden. Pana FR all the way oder ZLJ oder was auch immer. Reinwerfen, wird schon passen. Paar Posts später läuft die Mühle dann aber doch nicht rund oder die FR sind nach 3 Stunden schon schwanger. Ja wie lustig das wohl die Chips fanden
Deswegen. Genau hinsehen. Prüfen. Verifizieren. The only way.