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Kommentar: Der Netflix-Kunde ist das Bauernopfer einer verfehlten Digitalpolitik

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netflixBevor wir zum eigentlichen Thema kommen: In der aktuellen Situation gibt es sicherlich Wichtigeres, als eine gedrosselte Bitrate im Videostream von Netflix. Aber die Situation und die Reaktionen rund um diesen Schritt zeigen in vielerlei Hinsicht, was aktuell alles schief läuft und welche Fehler schon in der Vergangenheit gemacht wurden.

Was ist passiert? Netflix reagiert einen Aufruf von EU-Kommissar Thierry Breton und will die Datenrate seiner Videostreams reduzieren. Damit soll der durch Netflix verursachte Datenverkehr Schritt um rund 25 % gesenkt werden. Netflix nahm diese Maßnahme freiwillig vor – man ist also nicht wirklich das Opfer in dieser Geschichte.

Die Netze sind derzeit stärker als sonst belastet, daran besteht kein Zweifel. Das DE-CIX vermeldete bereits neue Rekorde und kratzt Abend für Abend an einer Peering-Bandbreite von 9 TBit/s. Noch vor wenigen Tagen sahen sich zumindest die deutschen Internetprovider gut aufgestellt. Das DE-CIX als wichtigster Internetknoten Europas hat laut eigenen Aussagen noch viel Reserve und sieht keinerlei Probleme durch die aktuell höhere Last im eigenen Peering-Netz. Da mutet es schon etwas seltsam an, wenn ein paar Tage später die Kehrtwende vollzogen wird. Der IT-Branchenverband Bitkom begrüßt die Einigung zwischen der EU und Netflix gegenüber Golem:

"Eine Verringerung der Videoauflösung kann diese Belastung erheblich reduzieren und damit gleichzeitig die grundsätzliche Verfügbarkeit der Angebote sicherstellen."

Ein wenig später heißt es:

"Aktuell verzeichnen die Netzbetreiber beim Datenverkehr einen moderaten Anstieg von etwa zehn Prozent"

Ja was denn nun? Unterliegen die Netze einer erheblichen Belastung oder verzeichnen sie nur einen moderaten Anstieg von 10 %? Man darf sich zudem fragen, warum nur Netflix seine Bitrate drosselt, wenngleich man den höchsten Anteil aller Anbieter in diesem Bereich hat. Inzwischen hat auch YouTube angekündigt, seine Videos in Europa nur noch mit reduzierter Auflösung auszuliefern. Umgesetzt ist diese Maßnahme aktuell aber noch nicht.

Bekannt ist, dass es in manchen Ländern bereits Probleme gab. Das Netz der Swisscom kämpfte in den vergangenen Tagen mit vermehrten Ausfällen. Hier wurde eine Reduzierung der Datenraten für das Videostreaming zuerst in Erwägung gezogen. Momentan arbeite man bei Swisscom daran, seine Kapazitäten weiter hochzufahren, appelliert jedoch an die Schweizer Bevölkerung, das Internet verantwortungsvoll zu nutzen.

Dabei sind die Probleme in der Schweiz nicht neu. Alleine in diesem Jahr ist das Netz der Swisscom schon dreimal zusammengebrochen – weit vor der Coronakrise. Die Swisscom hat es lange versäumt, ihr Netz weiter auszubauen und kämpft nun mit den Folgen aus diesen Versäumnissen.

Einzelne Dienste sind die Engstellen, nicht das Videostreaming

Das Datenaufkommen in den Netzen ist aktuell hoch, daran gesteht keinerlei Zweifel. Doch wenn es hierzulande zu Ausfällen gekommen ist, dann waren einzelne Dienste betroffen. So vermeldete Microsoft Teams mehrfache Ausfälle, die aber fehlende Ressourcen auf Seiten von Microsoft zu suchen waren. Auch Videokonferenz-Dienste kämpfen aufgrund der vielen Homeoffice-Arbeiter mit dem Ansturm.

Wer von zu Hause arbeitet, ist häufig auf einen VPN-Zugang des Arbeitgebers angewiesen, diese wiederum sichern ihre Infrastruktur mit Firewalls ab. Wenn in einem Unternehmen nun auf einmal nicht mehr nur wenige Prozent der Mitarbeiter Remote arbeiten, sondern deutlich mehr, dann kommt der Infrastruktur der Unternehmen zu Engpässen. An dieser Stelle wurden viele IT-Abteilungen sicherlich überrascht. Dies hat aber nichts mit der Auslastung des Gesamtnetzes zu tun.

Eine lange Reihe politischer Unzulänglichkeiten

Die Reduzierung der Bitrate bei Netflix ist die Bekämpfung eines Symptoms oder besser von Unzulänglichkeiten, die nicht erst seit gestern bestehen. In Deutschland redet die Politik seit Jahren über eine Digitalstrategie und den Ausbau in den verschiedenen Bereichen. Auch hier wird mit Zahlen gespielt, die in der Praxis keine große Rolle spielen, die aber einfach zu umfassen und zu begründen sind.

Beim Mobilfunkbausbau wird noch immer über eine Abdeckung der Bevölkerung gesprochen (97 %), dabei geht es darum, einen möglichst guten Empfang zu haben, wenn man sich nicht in den eigenen vier Wänden oder bewohnten Gebieten aufhält. Eine Flächenabdeckung von 97 oder eben 100 % muss das Ziel sein, nicht eine ausschließliche Fokussierung auf die Bevölkerungsabdeckung. Ein Breitbandausbau, der sich 50 MBit/s als Zielvorgabe setzt, ist ebenso wenig nicht weitsichtig, sondern führt uns an der aktuellen Realität des Bedarfs vieler vorbei.

Hier ein Beispiel aus dem Wohngebiet des Autors:

In einer Ortschaft mit etwa 1.500 Einwohnern soll nun auch der Glasfaserausbau stattfinden. Via FTTH sollen alle Grundstücke mit einem Glasfaseranschluss versorgt werden. Das Land, Bund und die EU fördern diesen Ausbau. Doch es gibt gewisse Auflagen. So sollten Haushalte und Grundstücke, die schon jetzt mittels vDLS mit mindestens 50 MBit/s versorgt werden können, ausgenommen werden. Straßenzüge, deren Grundstücke sich also nahe des DSLAMs der Telekom befinden, sollten links liegen gelassen werden und ab einer vorbestimmten Grenze dann die Versorgung mit Glasfaser beginnen. Eine heute mit 50 MBit/s als ausreichend festgelegte Versorgung kann morgen schon unzureichend sein und dennoch werden solche willkürlichen "Obergrenzen" festgelegt, die einen Ausbau ad absurdum führen.

Wie bitte schön soll man dies als ernsthafte Maßnahme einer digitalen Agenda ansehen? Schlussendlich fanden sich ausreichend Grundstücks- und Hauseigentümer, die ihre Anschlüsse selbst bezahlen wollten und sich vertraglich auch für eine gewisse Zeit an den Anbieter binden wollen, auch wenn diese nicht gefördert werden sollten. Am Ende hat sich das ausführende Unternehmen dann doch dazu entschlossen, sämtliche Grundstücke zu versorgen, es wird also keine Glasfaserlücken im Ausbau geben.

Ansturm wegen des Coronavirus nur das Feigenblatt

Viele Netzbetreiber und Teilnehmer an der Internet-Infrastruktur fahren ihre Netze auf Sparflamme. Die Tarife müssen immer günstiger werden und auch aufgrund politischer und wirtschaftlicher Unzulänglichkeiten in den einzelnen Unternehmen sind manche Anbieter nicht auf einen solches, noch immer überschaubares Wachstum, eingestellt. Hier wurde mit Netflix nun ein einfaches Opfer gefunden, auf das alle zeigen können.

Dabei macht es Netflix den Anbietern recht einfach, unnötigen Datenverkehr einzusparen. Der US-Konzern bietet die Möglichkeit, sogenannten Edge-Server einzusetzen. ISP können diese an Knotenpunkten einsetzen und speisen die Videostreams so nahe wie möglich an den Endpunkten, sprich den Netflix-Kunden, ein. Wird beim Aufbau der Infrastruktur auf solche Dinge geachtet, ist ein Anstieg der Datenübertragungsrate, wie er aktuell vorliegt, problemlos zu bewältigen.

Zum Abschluss noch einmal: Eine geringere Bitrate in Videostreams ist sicherlich nicht unsere größte Sorge in der aktuellen Lage. Hier wegen Engpässen und Problemen nun mit dem Finger auf Netflix zu zeigen, ist aber sicherlich auch nicht der richtige Weg.

Ein Kommentar von Andreas Schilling. Die Ausführungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der gesamten Redaktion wider.