Seite 10: Fazit

Mit der zweiten Ryzen-Threadripper-Generation folgt AMD dem mit der ersten Ryzen-Generation eingeschlagenen Weg. Denn auch hier soll die Leistung nicht in erster Linie über den Takt erbracht werden, sondern über viele CPU-Kerne. Dass man damit Intel werbewirksam eins auswischen kann, dürfte man dabei gerne in Kauf nehmen. Schließlich kann der leicht schwächelnde Dauerrivale bis heute im Desktop-Segment nicht mehr als sechs Kerne anbieten - bei AMD gibt seit fast eineinhalb Jahren acht.

Vor diesem Hintergrund wirkt es nur logisch, dass von Ryzen-Threadripper-Generation 1 zu 2 noch stärker auf die Kraft des Multi-Threadings gesetzt wird. Auf einen neuen Ableger mit acht Kernen verzichtet man gleich ganz, der neue Einstieg erfolgt bei zwölf Cores. Bei Intel muss man dafür schon sehr weit oben ins Regel greifen. Dem ist man sich bei AMD sehr bewusst und stellt die beiden ersten neuen Modelle nicht Konkurrenten mit gleicher Kernanzahl gegenüber, sondern orientiert sich grob am Preis. Das mag auf der einen Seite vernünftig sein, sieht der Interessierte doch was er für sein Geld bei beiden bekommt. Auf der anderen Seite tut man sich damit keinen Gefallen, da ein echter Leistungsvergleich erschwert wird.

Von diesen Grundsätzlichkeiten abgesehen versucht AMD es löblicherweise mit einer Unterteilung der zweiten Generation in zwei Gruppen - obwohl es sich ja um die gleiche Architektur handelt und auch die Infrastruktur die gleiche ist. Doch es stellt sich die Frage, ob die adressierten (oder doch nur fürs Marketing genannten?) Gruppen die tatsächlich Gruppe sind.

Viel hilft nicht immer viel

Der Test der ersten beiden neuen Modelle hat vor allem eines gezeigt: Die zweite Ryzen-Threadripper-Generation ist ihrer Zeit teils weit voraus. Denn in nur wenigen Fällen gab es im Zuge der Benchmarks keine Auffälligkeiten, die auf die hohe Zahl der CPU-Kerne zurückzuführen waren. Besonders deutlich wird das in Spielen. Selbst aktuelle Engines nutzen nur selten mehr als vier oder sechs CPU-Kerne. Deutlich wird das vor allem in „F1 2017", aber auch in „Far Cry 5" ist dieser Effekt erkennbar. Dabei ist es vor allem der Shooter, der noch weitere Probleme mit vielen Kernen offenbart. Auf dem Ryzen Threadripper 2990WX im nativen Modus (32 Kerne) verweigerte er konsequent den Start, erst mit zwei deaktivierten Dies war der Titel nutzbar.

Deutlich wird aber auch, dass ein reibungsloser Betrieb der Produktivanwendung oder des Spiels keine Garantie dafür ist, dass die Leistung so hoch wie zu erwarten ausfällt. Hierfür sei auf „Rise of the Tomb Raider" verwiesen: Der auf 16 oder acht Kerne beschnittene Ryzen Threadripper 2990WX leistet hier mehr als der Ryzen Threadripper 2950X mit 16 Kernen. Teilweise ist aber auch das genaue Gegenteil der Fall. Dann landet das neue Ryzen-Threadripper-Flaggschiff in jeder Konfiguration hinter dem kleineren Modell.

Betont werden muss zudem, dass diese Effekte nicht nur in Spielen zu beobachten sind. Im Idealfall weiß die Software 32 Kerne zu nutzen, in einem guten Fall immerhin mehr als 16 - oder sie wird zumindest nicht durch die Kerne, die sie gar nicht erst nutzen kann, ausgebremst. Letzteres ist beispielsweise in Geekbench zu beobachten, aber auch in Truecrypt sowie dem Ableger Veracrypt. Die beiden Verschlüsselungstools haben so große Probleme mit dem 32-Kerner, dass die Leistung - unabhängig von der Anzahl der tatsächlich aktiven Dies - nur halb so hoch wie beim Ryzen Threadripper 2950X ausfällt.

Single-Thread bleibt die Schwachstelle

Ein Grund dafür, dass AMD auf mehr Kerne als Intel setzt, ist die weiterhin vorhandene Schwäche bei der Leistung pro Kern, bzw. pro Thread. Im Rahmen der Vorstellung der zweiten Ryzen-Threadripper-Generation wurde die Lücke auf etwa 5 % beziffert. Dies, so das Unternehmen, sei ein Abstand, mit dem man leben könne. Warum, zeigt die Entwicklung. Auch wenn viele Programme derzeit nicht optimal skalieren oder teils Probleme mit vielen Kernen haben, ist die Entwicklung doch eindeutig. Die Multi-Thread-Leistung wird in Zukunft noch wichtiger. Käufern von heute bringt das aber wenig, wenn die häufig eingesetzte Software darauf noch nicht ausgelegt ist.

Bei der Single-Thread-Leistung liegen die beiden neuen Prozessoren je nach Benchmarks etwa 3 % bis 10 % auseinander, was am unterschiedlichen Maximaltakt liegt. In Cinebench 15 bewegt sich der Ryzen Threadripper 2990WX in etwa auf dem Niveau eines Ryzen 7 2700 oder Core i5-8400, der Ryzen Threadripper 2950X zieht mit dem Core i5-7600K und Core i7-7800X gleich. Laut Geekbench ist der Ryzen Threadripper 2990WX so schnell wie ein Core i7-6950X oder Ryzen 5 1600X, der Ryzen Threadripper 2950X schafft das Tempo eines Ryzen 7 2700. Ähnlich schneiden die beiden Prozessoren in POV-ray und Blender ab. Ein Intel Core i7-8700K oder Core i7-8086K (Test) schafft in vielen Fällen fast 20 % oder gar 30 % mehr.

Bemerkbar macht sich das nicht nur, wenn dediziert nur ein Kern oder Thread genutzt wird, sondern auch in den Fällen, in denen die beiden neuen Ryzen-Threadripper-Prozessoren nicht alle Kerne voll nutzen können. Entsprechend belegt Intel in Blender die ersten beiden Plätze im Multi-Thread-Test, aber auch vielen Spielen muss sich AMD geschlagen geben. Immerhin: Ein Geheimnis macht man daraus nicht, in zur Verfügung gestellten Testergebnissen wird ehrlich auf den Vorsprung des Konkurrenten hingewiesen.

Rekorde, wenn man sie denn lässt

Weiß die Software mit den vielen Kernen umzugehen oder lässt sich im Falle des Ryzen Threadripper 2990WX nicht von ihnen irritieren, sind beide Prozessoren für hohe Leistungen gut. In Cinebench 15 lässt der 32-Kerner Intels Gegenstück Core i9-7980XE klar hinter sich und selbst der Ryzen Threadripper 2950X mit 16 Kernen bewegt sich auf Augenhöhe. In POV-ray reicht es beim Flaggschiff für fast 9.900 Punkte, ein Core i7-8700K bringt es gerade einmal auf ein Drittel dessen.

Dabei zeigt sich, wie gut AMD die Skalierbarkeit im Griff hat - eine Stärke des Infinity Fabric. So liegt der Ryzen Threadripper 2990WX trotz geringeren Taktes in einigen Fällen 60 % vor dem Ryzen Threadripper 2950X, in speziellen - sehr theoretischen - Situationen sind es gar 70 %. Für die Zukunft ist das ein gutes Zeichen. Je mehr Anwendungen für Multi-Threading optimiert werden, desto besser schneidet die zweite Ryzen-Threadripper-Generation im Vergleich zur Konkurrenz von Intel ab.

Am hohen Energiebedarf im Leerlauf und bei geringer Last ändert das aber nichts. Zwar deutet sich an, dass die zweite Generation etwas genügsamer als die erste ist, etwa 70 und 77 W sind ohne Last aber deutlich zu viel. Der wichtigste Grund dafür ist der gleiche wie vor einem Jahr. Denn erneut sorgt AMD nicht dafür, dass der CPU-Takt weit genug gesenkt wird. Ohne manuellen Eingriff liegt das untere Ende in der Regel bei 2 GHz - nur selten konnte ein Takt von 1,9 oder 1,8 GHz auf einzelnen Kernen protokolliert werden. Unter hoher Last geht der Energiebedarf hingegen in Ordnung. Zwar verbrauchen beide Neulinge mehr als die jeweils von AMD genannten Intel-Konkurrenten, dem gegenüber steht aber auch eine im Schnitt höhere Leistung.

Der Ryzen Threadripper 2990WX kommt viel zu früh

Das neue Ryzen-Threadripper-Flaggschiff ist ein Aushängeschild im wahrsten Sinne des Wortes. Mit dem 32-Kerner demonstriert AMD, was derzeit im HEDT-Segment möglich ist und stellt Intel regelrecht in den Schatten. Im Idealfall gibt es deutlich mehr Leistung als beim Core i9-7980XE für weniger Geld. Dem gegenüber stehen allerdings mitunter massive Probleme, häufiger jedoch die nicht vorhandene Ausnutzung der vielen Kerne. Der Ryzen Threadripper 2990WX kann schnell sein, ist es aber nicht immer.

Hinzu kommt, dass AMD den Prozessor in seinen Möglichkeiten an anderer Stelle beschneiden musste, um sich nicht unnötige Konkurrenz für die EPYC-Reihe ins Haus zu holen. In Profi-Anwendungen wird die RAM-Anbindung trotz Quad-Channel-Design schnell zum Flaschenhals, für andere Fälle fehlen Remote-Funktionen oder die Unterstützung von REG-ECC-RAM. Wer sich für den Ryzen Threadripper 2990WX entscheidet, muss dies ganz bewusst tun und sich im Vorfeld darüber informieren, ob der Prozessor für das eigene Nutzungsprofil die optimale Wahl ist.

Von diesen Schwächen abgesehen ist der 32-Kerner ein echtes Stück Hardware der Hardware willens. AMD baut den Prozessor, weil man es kann. Das Gute daran: Mit der Zeit wird er immer besser werden, da der Trend hin zu besserer Multi-Thread-Unterstützung eindeutig ist. Die Frage ist nur, wie lange es noch dauert.

Positive Aspekte des AMD Ryzen Threadripper 2990WX:

  • vergleichsweise gute Skalierbarkeit
  • Abschaltung einzelner Dies zugunsten der Kompatibilität möglich
  • hohes Overclocking-Potential
  • zahlreiche PCIe-3.0-Lanes
  • hohe Multi-Thread-Leistung

Negative Aspekte des AMD Ryzen Threadripper 2990WX:

  • hoher Energiebedarf im Leerlauf und unter geringer Last
  • viele Anwendungen haben Probleme der hohen Zahl an CPU-Kernen

Für Gamer ist der Ryzen Threadripper 2950X fast zu viel

Während AMD den Ryzen Threadripper 2990WX klar an Profis adressiert, soll das kleinere Modell Ryzen Threadripper 2950X auch Gamer ansprechen. Gemeint ist damit nicht der durchschnittliche „FIFA"-Spieler. Stattdessen will man denjenigen eine leistungsfähige Plattform bieten, die beispielsweise ohne nennenswerte Qualitätseinbußen gleichzeitig Live-Streamen wollen. Aber auch an den sogenannten Prosumer richtet man sich. Wer semi-professionell Fotos und Videos bearbeitet oder sich am Rendern erfreut und nicht zu tief in die Tasche greifen will, soll mit dem 16-Kerner genau den richtigen Prozessor erhalten.

Für solche Zwecke bietet der Ryzen Threadripper 2950X tatsächlich mehr als genügend Leistung. Zudem lässt die notwendige Infrastruktur genügend Luft für ein späteres Aufrüsten. Dazu zählen die insgesamt 64 PCIe-3.0-Lanes ebenso wie die Möglichkeiten, die die (neuen) X399-Mainboards bieten. Für den 16-Kerner spricht im Vergleich zum größeren Modell aber die im Test geringere Anzahl an Problemen und Auffälligkeiten. Insgesamt ist der Ryzen Threadripper 2950X dichter an der Balance als der Ryzen Threadripper 2990WX und somit auch im Alltag einfacher zu nutzen. Störend ist allerdings auch hier der teils zu hohe Energiebedarf.

Positive Aspekte des AMD Ryzen Threadripper 2950X:

  • vergleichsweise gute Skalierbarkeit
  • Abschaltung einzelner Dies zugunsten der Kompatiblität möglich
  • hohes Overclocking-Potential
  • zahlreiche PCIe-3.0-Lanes
  • hohe Multi-Thread-Leistung

Negative Aspekte des AMD Ryzen Threadripper 2950X:

  • hoher Energiebedarf im Leerlauf und unter geringer Last

Mit der zweiten Ryzen-Threadripper-Generation demonstriert AMD eindrucksvoll, zu was die Zen-, bzw. Zen+-Architektur im Stande ist. Gegenüber der ersten Generation konnte man die Schwächen bezüglich der Single-Thread-Leistung verringern und bewegt sich hier nun fast auf einem Niveau mit Intel. Gleichzeitig zieht man in puncto Multi-Thread-Performance klar am Konkurrenten vorbei und schont dabei noch die Finanzen der Käufer.

Die potentielle Zielgruppe mag am Ende sehr klein sein, für AMD dürfte das aber kein entscheidender Faktor sein. Zwar wird man mit den Prozessoren Geld verdienen wollen, der zu erwartende Image-Gewinn dürfte jedoch ebenfalls eine gewichtige Rolle spielen. Ryzen Threadripper 2990WX und Ryzen Threadripper 2950X sind keine perfekten Prozessoren, sie zeigen aber, wie die Zukunft im Desktop- und HEDT-Segment aussehen wird.