Seite 2: Leistungseindrücke, Ausblick

Es reicht jedoch, um alle Testergebnisse zunächst einmal zu relativieren. Denn hier und da tauchten auf einem Gerät Werte auf, die auf einem anderen nicht reproduzierbar waren. Erschwerend kommt hinzu, dass Qualcomm nicht verraten wollte, ob bestimmte Maßnahmen zur Kühlung des Snapdragon 820 ergriffen wurden. Einzig ein „Das Entwicklergerät ist dahingehend nicht optimiert“ wurde als Antwort geboten - überprüfen ließ sich dies aber nicht. Immerhin aber sind eindeutige Tendenzen erkennbar.

Klar an die Spitze setzt sich der Snapdragon 820 beispielsweise in Basemark OS II. Mit rund 2.300 Punkten wird der Exynos 7420 (Samsung Galaxy S6 edge+) um rund ein Drittel übertrumpft. Gegenüber dem Snapdragon 810 (LG G Flex 2, Sony Xperia Z3+, HZC One M9) legt der neue SoC um bis zu 120 %, mindestens jedoch um 80 % zu. Um letzteren Wert liegt man auch über Huaweis derzeitigem (Europa-)Flaggschiff Kirin 935.

Benchmarks können laut Qualcomm nicht alle Fortschritte aufzeigen
Benchmarks können laut Qualcomm nicht alle Fortschritte aufzeigen

Den Spitzenplatz erobert der Snapdragon 820 aber auch im 3DMark-Setting Ice Storm Unlimited. Der Vorsprung gegenüber dem Exynos 7420 fällt hier aber nur minimal aus, bei gut 1 % kann man aufgrund von Messtoleranzen noch von einer üblichen Schwankung und damit einem Unentschieden sprechen. Der populäre Benchmark zeigt aber noch etwas viel Wichtigeres. Denn steht GPU und CPU im Vordergrund, kann der neue Chip sich nur knapp von seinem Vorgänger absetzen. Im besten Fall erreichte der Snapdragon 810 eine Gesamtwertung von fast 23.000 Punkten, nur 8 % weniger als der Snapdragon 820.

Wird hingegen die Adreno 530 stärker als die Kryo-Kerne belastet, wächst der Vorsprung. In GFXBench 3 liegt das Plus gegenüber dem Snapdragon 810 bei bis zu 93 und 150 % (Manhattan/T-Rex) respektive bei mindestens 16 und 66 %. Und selbst den Exynos 7420 kann Qualcomm auf Distanz halten: Hier schafft man 7 und 46 % mehr Bilder pro Sekunde. Ein sattes Leistungsplus verspricht auch AnTuTu. Die neue Version 6 des Tools attestiert insgesamt rund 131.000 Punkte, ein Snapdragon 810 erreicht im besten Fall gut 81.000 Punkte, ein Exynos 7420 knapp 87.000. Und selbst Apples A9, der ebenfalls als sehr potent gilt, schafft nur 123.000 Punkte.

Wie der Energiebedarf aussieht, zeigen die ersten Benchmarks nicht - Qualcomm verspricht aber spürbare Vorteile
Wie der Energiebedarf aussieht, zeigen die ersten Benchmarks nicht - Qualcomm verspricht aber spürbare Vorteile

Doch es gibt auch Tests, in denen sich der Snapdragon 820 keinen Spitzenplatz sichern konnte. Dazu gehört unter anderem PCMark, bei dem es nur für 4.900 Punkte reichte. Hier gilt jedoch zu beachten, dass auch Hardware berücksichtigt wird, die nicht zum SoC gehört. Im Alltag kann genau dies jedoch den Unterschied ausmachen. Was letztlich auch als vorsichtiges Fazit gelten kann.

Ausblick

Können die Gerätehersteller die Temperaturentwicklung ausreichend kontrollieren, dürfte der Snapdragon 820 seinen Vorgänger in puncto CPU- und GPU-Leistung problemlos übertrumpfen. Vor allem die Single-Core-Leistung beeindruckt, hier kann - Taktunterschiede auf der einen und thermische Probleme auf der anderen Seite einmal außenvorgelassen - von einer Verdoppelung gesprochen werden. Auf ein Minimum eingedampft wird der Vorsprung der Kryo-Kerne jedoch, wenn alle Kerne belastet werden. Zwar konnte sich der Snapdragon 820 in den ersten Messungen auch dann an die Spitze setzen, Samsungs Exynos 7420 bewegt sich aber auf Augenhöhe. Abzuwarten bleibt diesbezüglich, wie MediaTeks Helio-Chips abschneiden.

Beim Blick auf die reine GPU-Leistung ist der Eindruck eindeutiger. Limitieren weder CPU noch Benchmark, springt die Adreno 530 auf den ersten Platz. Ob man im Alltag davon einen Vorteil haben wird, ist jedoch äußerst fraglich. Hier ist in der Regel das Zusammenspiel zwischen CPU und GPU weitaus wichtiger, aber auch die anderen Bestandteile spielen eine Rolle - was der PCMark offenbart. Geht man vom Optimum aus, spielt der Snapdragon 820 klar in der Spitzengruppe mit. Dafür muss aber nicht nur ein schneller Massenspeicher vorhanden sein, auch die Treiber müssen optimiert sein. Und weitaus wichtiger: Die Hersteller müssen Energiebedarf und die Temperaturentwicklung im Griff haben.

Ob die tatsächliche Leistung vom Alltag ebenso weit wie die Entwicklerplattform entfernt ist, wird der MWC 2016 zeigen
Ob die tatsächliche Leistung vom Alltag ebenso weit wie die Entwicklerplattform entfernt ist, wird der MWC 2016 zeigen

Hinter diesen beiden Punkten stehen aber dicke Fragezeichen, einzig Vermutungen können angestellt werden. Treffen Qualcomms Aussagen zu und hat das neue Fertigungsverfahren die gewünschten Auswirkungen, dürfte der Snapdragon 810 in positiver Hinsicht problemlos übertroffen werden. Dass es möglich ist, zeigen die gewonnen Eindrücke, das MDP/S 820 wurde während der Benchmarks nicht übermäßig warm.

Dennoch ist derzeit nicht auszugehen, dass Qualcomm mit dem neuen SoC eine Vormachtstellung wie noch beim Snapdragon 800 oder 801 erreichen wird. Denn MediaTeks Helio X20 verspricht mit seinen Cortex-A72-Kernen ebenfalls eine hohe Leistung, genauso wie Samsungs Exynos 8890. Vor allem letzterer könnte zu einem ernsthaften Konkurrenten werden, wenn die M1-CPU die Erwartungen erfüllt. Stimmt die gebotene Leistung, dürften die Südkoreaner eher den eigenen SoC als das Produkt eines Mitbewerbers verbauen. Dann entginge Qualcomm erneut ein wichtiger Auftrag.

Antworten auf all diese Fragen dürften Ende Februar geliefert werden. Denn auf dem MWC in Barcelona wird nicht nur Samsung seinen neuen Chip in Form eines Endgeräts zeigen, auch der Snapdragon 820 kommt dann außerhalb einer Entwicklerplattform zum Einsatz.