Seite 1: Smartwatch: Vom Hoffnungsträger zum Problemfall

apple watch armbaender guidelines rsWann genau die Geburtsstunde der Smartwatch geschlagen hat, lässt sich schwer bestimmen. Einigt man sich auf das Datum, seitdem sie in der breiteren Öffentlichkeit eine wahrnehmbare Rolle spielt, hat sie gerade den sechsten Geburtstag erlebt. Denn so alt wurde vor wenigen Tagen die Sony Ericsson LiveView, die viele Smartphone-Nutzer erstmals neugierig auf das Thema machte. Trotz aller Weiterentwicklungen und Marketing-Bemühungen zum Trotz blieb ein echter Boom bis heute aus.

Dabei dürften die Hoffnungen vieler Hersteller groß gewesen sein. Denn nur kurze Zeit nach der Einführung von Tablets zeichnete sich bereits ab, dass deren Absatz stagnieren würde - Ersatz musste also her, um die erforderlichen Umsätze an anderer Stelle generieren zu können.

Mit dem Einstieg von Samsung im Spätsommer 2013 schien der erste wirklich große Konzern eine Antwort geliefert zu haben. Die Galaxy Gear bot einen bis dato unerreichten Funktionsumfang, litt aber unter den typischen Kinderkrankheiten, was dem Erreichen der Masse entgegenstand. Vor knapp zwei Jahren folgte dann der ausgereiftere Nachfolger, etwas später der Android-Wear-Ableger Gear Live. Zwischenzeitlich waren andere Anbieter auf den Zug aufgesprungen, LG und Motorola gehörten zu den Google-Unterstützern der ersten Stunde, unter anderem dank Kickstarter sorgte Pebble für viel Aufmerksamkeit. ASUS folgte wenig später mit seiner ZenWatch, Huawei zeigte sein Erstlingswerk Anfang 2015. Ein paar Wochen später erfolgte dann der mit Spannung erwartete Verkaufsstart der Apple Watch. Doch den von vielen Beobachtern erwarteten Push für das ganze Segment lieferte auch Apples Einstieg nicht.

Eine Smartwatch auf 58 Smartphones

Um das deutlich zu machen, ist ein Blick auf die Zahlen unerlässlich. Im dritten Quartal 2015 - belastbare Zahlen für das vierte Quartal gibt es noch nicht - wurden Marktforschern zufolge etwa 6,1 Millionen Geräte ausgeliefert, die man als Smartwatch bezeichnen kann. Darunter fallen Modelle auf Basis von Android Wear ebenso wie solche mit Tizen oder watchOS. Andere, wie beispielsweise Huaweis TalkBand-Familie oder die zahlreichen Fitness-Bänder spielen dabei keine Rolle.

Unumstrittener Marktführer dürfte Apple gewesen, geschätzte 4,5 Millionen Exemplare der Apple Watch konnte man absetzen. Was zunächst nach viel klingt, relativiert sich beim Blick auf die iPhone-Zahlen des gleichen Zeitraums. Denn Handys mit iOS erreichen eine Stückzahl von 48 Millionen. Gerundet entspricht das einem Verhältnis von 1:10, bei Samsung spricht man von etwa 1:140, alle anderen Anbieter gehen im Punkt „Sonstige“ unter. Insgesamt kam auf 58 Smartphones nur eine Smartwatch.

Kein Darstellungsfehler: Das Verhältnis von Smartwatches zu Smartphones war im in Q3 2015 sehr eindeutig
Kein Darstellungsfehler: Das Verhältnis von Smartwatches zu Smartphones war im in Q3 2015 sehr eindeutig

Nun muss man berücksichtigen, dass unter anderem nicht jedes Samsung-Smartphone mit einer Moto 360 oder einer Gear S2 zusammenarbeiten kann und die Zahl der in Betrieb befindlichen Geräte weitaus größer ist, die Tendenz ist aber eindeutig. Vor den teils sehr hohen Smartphone-Preisen schrecken nur wenige zurück, selbst an vergleichsweise günstigen Smartwatches haben viele aber kein Interesse. Die teilweise sehr aufwendigen Werbekampagnen scheinen also keine Wirkung zu haben und Analysten lagen reihenweise daneben - nicht nur die Vorhersagen zum Absatz der Apple Watch entpuppten sich als völlig falsch.

Auch Trendforscher lagen nach aktuellem Stand daneben. So warnte Thorsten Rehder von Trend One im November 2014 davor, die Entwicklung zu unterschätzen. Die Erfahrung hätte gezeigt, so Rehder, dass man von neuen Lösungen erst zu viel, später dann zu wenig erwarten würde. Zunächst deutet auch bei Smartwatches alles darauf hin. Immerhin geht man davon aus, dass sich der jährliche Absatz bis Ende 2019 vervierfachen soll. Dafür reicht es aber nicht nur aus, die Technik zu verbessern. Denn der Nutzer scheint dem gesamten Konzept kritisch gegenüber zu stehen.

Zu diesem Schluss kam zumindest eine Studie vor knapp zwei Jahren. Laut dieser würden in erster Linie technikaffine Menschen zur Smartwatch oder einem Wearable im Allgemeinen greifen, im Schnitt hätte innerhalb eines halben Jahres nach dem Kauf aber schon ein Drittel das Interesse wieder verloren. Schuld daran wären vor allem zwei Gründe: Das hohe Entwicklungstempo sowie falsche Erwartungen.

Stillstand

Seit der Veröffentlichung der Studie im April 2014 hat sich auf dem Markt für Smartwatches zwar einiges getan, inzwischen zeigt sich aber, dass es derzeit kein hohes Entwicklungstempo gibt. Vergleicht man die erste Generation der Android-Wear-Modelle mit den aktuellen Vertretern, zeigen sich nur wenige Fortschritte. Die Laufzeiten sind trotz Verbesserungen nach wie vor unbefriedigend, autark einsetzbar ist trotz Versprechungen kein einziger. Nur unwesentlich besser sieht es bei der Nummer zwei, Samsung, aus. Optisch liegen zwischen dem Erstling und der Gear S2 zwar Welten, im Kern fällt der Fortschritt aber auch nur marginal aus. Hinsichtlich der falschen Erwartungen hat sich bei Käufern grundsätzlich kaum etwas geändert, das zeigen unter anderem Berichte zur Apple Watch. Selbst eingefleischte Fans der Marke gaben nur wenige Wochen nach der Anschaffung zu, mehr erwartet zu haben - nicht selten landete die teure Uhr in der Schublade.

Vor allem Android und Wear und watchOS traut man Wachstum zu
Vor allem Android und Wear und watchOS traut man Wachstum zu

Die Hoffnung, einen echten Mehrwert gegenüber einem Smartphone zu haben und dieses damit häufiger nicht nutzen zu müssen, wurde hier ebenso schnell verloren wie zu, Beispiel bei einer Watch Urbane. Wer eingehende Nachrichten mit mehr als vorgefertigten Sätzen oder zwei Wörtern beantworten will, muss eben doch das Handy in die Hand nehmen. Und wer sich durch die Stadt leiten lässt, startet Google Maps früher oder später eben doch auf dem größeren Gerät - für Zusatzinformationen ist das Display hier wesentlich besser geeignet.

Zwar ist für die Masse der Einschränkungen die Software in Form von Android Wear, Tizen oder watchOS verantwortlich, so mancher Schnitzer beruht aber auf merkwürdigen Entscheidungen der Hersteller selbst. Da wird beispielsweise eine Smartwatch als Begleiter beim Sport beworben, auf einen GPS-Empfänger, der am Ende einen Preisunterschied von wenigen Euro bedeutet, oder einen präzisen Pulssensor verzichtet man aber. Oder aber die als edel beworbene und tatsächlich hochwertig gefertigte Uhr, die abends auf ein regelrecht billig wirkendes Lade-Dock gelegt werden muss. Das Produkt Smartwatch ist insgesamt also nicht ausgereift, was bis heute dazu geführt hat, dass nur ein einziges Modell eine Empfehlung erhalten hat - und das auch nur aufgrund des geringen Preises zum Zeitpunkt des Tests. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht.