Seite 2: Baukastensystem und Ausblick

Das Baukastensystem als Ausweg?

Zwar ist völlig unklar, was die die Hersteller für den MWC oder die IFA planen, große Sprünge beim Blick auf Soft- und Hardware sind aber nicht erkennbar. Merklich bessere Laufzeiten lassen sich nur mit dem Einsatz sparsamer Displays realisieren, mehr Autarkie würde das am Ende aber wieder konterkarieren. Deshalb dürfte es allenfalls bei einer verbesserten Performance dank neuer SoCs sowie einem breiteren Einsatz einzelner Komponenten wie GPS-Empfängern oder intelligenter Schnittstellen bleiben, mit deren Hilfe sich die Smartwatch sich innerhalb eines gewissen Rahmens mit passendem Zubehör den eigenen Anforderungen anpassen lässt; letztere bieten Apple und Pebble bereits in einem sehr rudimentären Umfang.

Schnittstellen wie an der Apple Watch oder umfangreiches Zubehör könnten ein entscheidender Vorteil sein
Schnittstellen wie an der Apple Watch oder umfangreiches Zubehör könnten ein entscheidender Vorteil sein

Genau das könnte am Ende die entscheidende Kursänderung sein, vor der bislang aber alle Anbieter zurückzuschrecken scheinen. Ein Gehäuse, das mit schnell wechselbaren Armbändern in genau die Smartwatch verwandelt werden kann, die zur jeweiligen Situation - ein Band mit GPS-Empfänger für den Sport, eines mit Zusatzakku für den Kurztrip ohne Ladegerät, eines mit Modem für den autarken Einsatz - passt, würde zwar die Erwartungshaltung der Verbraucher nicht ändern, wohl aber auf diese eingehen.

Vom Hoffnungsträger zum möglichen Problemfall

Es muss aber auch eine ganz generelle Frage beantwortet werden: Kann die Smartwatch den Durchbruch überhaupt schaffen und damit den Herstellern helfen? Vermutlich eher nicht. Denn wird die Smartwatch ein Erfolg, übt sie Druck auf das Smartphone aus. Je vielseitiger die Uhr wird, desto weniger muss zum Handy gegriffen werden - aus dem Zubehör wird das Hauptprodukt. Daraus folgt vermutlich, dass die Smartwatch häufiger gewechselt wird, der Zyklus beim Smartphone verlängert sich hingegen.

Wie naheliegend das ist, zeigt ausgerechnet das Tablet. Ursprünglich angetreten, um die aus Sicht der Industrie vorhandene Lücke zwischen Handy auf der einen und Notebook und Desktop-PC auf der anderen Seite zu schließen, hat es die beiden letzteren ein Stück weit verdrängt. Verbraucher griffen eher zum vergleichsweise günstigen Tablet, der klassische Rechner wird seit dem im Schnitt immer älter, die Absatzzahlen sinken in der Folge. Steigt die Verbreitung der Smartwatch wie vorhergesagt, dürften sich langfristig die Umsätze ebenfalls lediglich verlagern. Auch, weil sich schon jetzt abzeichnet, dass es bei Smartphones immer weniger Gründe gibt, die für einen Wechsel alle 12 bis 24 Monat sprechen.

Hier ist ein Entwicklungsstand erreicht, der bei der Smartwatch vermisst wird.

Ausblick

Die vorhergesagte Vervierfachung der Absatzzahlen innerhalb der nächsten 46 Monate ist deshalb am Ende eine sehr kühne Prognose. Vor allem, da die Analysten lediglich Android Wear und watchOS nennenswerte Wachstumschancen einräumen. Im vergangenen Jahr sollen die Plattformen einen Anteil von rund 75 % erreicht haben, 2019 soll er bei 90 % liegen. Das ist schon deshalb fragwürdig, da eine Öffnung von watchOS extrem unwahrscheinlich ist, das Wachstum müsste entsprechend allein durch iPhone-Nutzer generiert werden. Besser sieht es für Google aus. Durch die Bereitstellung einer Companion-App für iOS steht eine günstige Alternative zur Apple Watch zur Verfügung, an den Einschränkungen muss aber gearbeitet werden. Sollte Samsung in diesem Punkt mit der angekündigten Unterstützung von Apples Betriebssystem besser abschneiden, könnte auch Tizen stärker als erwartet zulegen.

Bei so viel Konjunktiv bleibt jedoch immer Raum für ganz andere Entwicklungen.

Auch neuartige Wearables wie smarte Kopfhörer erhöhen den Druck
Auch neuartige Wearables wie smarte Kopfhörer erhöhen den Druck

Vorstellbar ist auch, dass Fitness-Armbänder oder andere Wearables eine viel größere Rolle spielen werden und als Ergänzung zur Smartwatch fungieren. Ein kleines Armband oder ein Anstecker sammeln dank GPS-Empfänger und hoch-präziser Sensoren akkurate Bewegungsinformationen beim Laufen, die gleichzeitig getragene Smartwatch dient als MP3-Player und stellt die Informationen auf ihrem Display dar. Undenkbar ist das nicht, wenn man sich die geplante Kleinteiligkeit des Internet of Things vor Augen hält. Alles soll mit allem kommunizieren, mehr und mehr Aufgaben können damit von Gegenständen erfüllt werden, die dies heute nicht einmal ansatzweise können - Stichwort Bragi. Wer hätte vor zwei der drei Jahren gedacht, dass In-Ear-Kopfhörer beim Laufen den Puls sowie die Schritte messen können und gleichzeitig hunderte Lieder über den internen Speicher zur Verfügung stellen?

Die Smartwatch gerät auch durch solche Entwicklungen unter Druck.