Hier kommt mein nächstes Restaurationsobjekt, das aus unseren eigenen Reihen auf Discord stammt und zu einem fairen Kurs den Besitzer gewechselt hat. Hergestellt Ende 1993, genau genommen in der 42. Kalenderwoche, hatte dieses Gerät nun annähernd 33 Jahre Zeit, ordentlich Gilb anzusetzen. Diese Spuren sollen wieder weg, back to the
roots beige. Es geht um eine
Cherry G80-2100HCD.
Ja, das ist ein Register. Besteht bloß aus zerknicktem und schmutzigem Papier und zwei kleinen Stücken eines Binderückens, der auch nicht besser ist als das, was man im Schreibwarenbedarf bekommen kann. Vom Register und den fehlenden relegendable tops abgesehen, sieht das Board auf den ersten Blick gut erhalten aus. Aber nur, weil das Papier die eigentliche Farbe des Gehäuses bewahrt hat. Und natürlich noch mit reichlich Kleber befestigt war...
Zu retten ist das Register für meine Begriffe nicht, aber ich find's eh hässlich, also weg damit. Was steckt sonst noch drin? Unter den Tastenkappen finden sich, neben jeder Menge Dreck, überwiegend MX Black, mit drei Ausnahmen: Will man
Druck,
Layer oder den roten Kirsch-Knopf auslösen, braucht es eine absurde Menge Kraft, um die 150 cN schwere Feder der
MX Super Black zusammen zu stauchen. Ausnahmen gibt es auch in den Reihen der Kappen; beinahe alles double-shots, aber eben nur fast. Die mit Guckloch für's Licht dürften dye-subs sein, leider sehr dünnwandig. pad-printed sind sie eher nicht, dazu ist die Legende zu glatt. Nicht glatt läuft das Öffnen des Gehäuses, die Clips an der Vorderkante sind wesentlich massiver als die einer G80-3000 und wollen sich erst nach stundenlangem Herumprobieren lösen.
Teil 1 - Kappen und Gehäuseoberteil waschen
Man nehme eine Plastikbox, fülle heißes Wasser ein und löse drei Gebissreiniger-Tabs darin auf. Kappen und case hinein, Deckel drauf und ab zur Arbeit. Neun Stunden später hat das Wasser, Dachgeschoss und Südseite sei Dank, noch immer knapp 30°C und die Kappen sind auch ohne abbürsten sauber. Sogar der Kleber auf dem case, der das Register hielt, ist gut aufgeweicht. Während die Kappen zum Trocknen liegen, geht es Kleberesten mit Parkside Aufkleber-Entferner und Küchenpapier an den Kragen. Erst beim Abtrocknen fiel mir der Datumsstempel ins Auge, hätte man doch auch außen im Boden anbringen können.
Teil 2 - retrobrighting
Die obligatorischen Puddinggläser sind für 149 Tasten leider zu klein, aber das Brotaufstrich-Behältnis eines bekannten Süßwarenherstellers aus Frankfurt am Main taugt ebenso. Auf dem Glas stand irgendwas von "DIY" und "aus leer mach' mehr". Ob die sich das so gedacht haben? Die Pappeinlage im Deckel jedenfalls hält einer Mischung aus Wasserstoffperoxid und etwas Wasser länger stand, als man glauben mag. Immer wieder schütteln und drehen nicht vergessen! Die gleiche Chemikalie unverdünnt auf das Gehäuseoberteil träufeln, in Frischhaltefolie wickeln und ab damit zum Sonnenbaden für zwei Stunden.
Nach dieser Zeit hatte ich das case abgespült und ein paar Kappen aus dem Glas geangelt, um einzuschätzen, wie lange es noch braucht. Mit frischem
Creme Oxidant 12% startete eine zweite Runde, mangels Sonne unter dem LED-Scheinwerfer der Werkbank. Weitere zwei Stunden später wieder alles abgespült. Was beim Gehäuse in zwei Minuten erledigt ist, wird bei den Kappen zur Strafarbeit, weil dieses Zeug sich im Innern der Kappe und teils auch im Kreuzstempel festsetzt. Jede verdammte Kappe einzeln...!
Teil 3 - PCB putzen
Für Ersteres nehme ich sonst nur destilliertes Wasser, aber das reichte hier nicht aus. Flüssigkeitsschaden? Was auch immer... Mit Isopropylalkohol 70% und einer kleinen Rasierer-Reinigungsbürste löst sich der Schmutz dann doch. Die Stabis sollte man noch vorher lösen, unglaublich wie viel Dreck unter die wires passt. Mit destilliertem Wasser den Alkohol entfernen zahlt sich aus, sonst wird das PCB matt und klebrig. Etwa die Hälfte der Blacks war entweder tot oder hyperaktiv chatternd, da hilft auch kein NKRO mehr. Doch egal ob gar nicht oder doppelt auslösend, ein winziger Sprühstoß Kontakt60 am heruntergedrückten slider vorbei und danach fleißig tippen wirkt wie immer Wunder.
Teil 4 - Stabis und LEDs
Auf einem sauberen PCB nehmen QMX-Stabis mit der üblichen Behandlung (205g0 und XHT-BDZ) Platz. Die alten Status-LED sind klinisch tot, bei Tageslicht geben sie sich kaum mehr zu erkennen. Das PCB ist hauchdünn und das Lot mit Sicherheit bleihaltig, sodass die Entlötarbeit ganz leicht von der Hand geht. Auf der Suche nach Ersatz fiel meine Wahl dieses Mal auf
warm-weiß. Das zweite PCB mit den 24 relegendables ist übrigens, für Cherry m.M.n. untypisch, ein plate-mount.
Teil 5 - Tschüss Spiralkabel
DIN-AT macht Platz für ein CSC0101A und USB-C. Die Kabelfarben sind die selben wie bei allen alten Cherry-Boards, die ich kenne, dennoch durchmessen zur Sicherheit. Die Anschlussposition sollte auf jeden Fall original bleiben, aber wie den type-C breakout zum Halten bekommen? Das Gehäuse ist an der Stelle sehr hoch und die Rückwand schräg, nur kleben ist nicht. Ein 2 mm Loch im Boden und eine 2x10 Schraube hält ein schräg abgesägtes Stück eines Holzdübels aus der Wühlkiste.
Fertig, bereit zum Zusammenbau und auch für einen ganz bestimmten Vergleich. Wer sich dachte, ein Boston120 sei nichts als eine riesige Platzverschwendung, der irrt sich möglicherweise.
Und so sieht's dann, mit den F-rows einer G80-2551, auf dem Schreibtisch aus - jetzt muss ich dringend noch eine Runde
Typing Attack zocken!