Seite 1: HTC U11 im Test

Auf 10 folgt U11: Was falsch klingt, ist nach Ansicht HTCs die logische Weiterentwicklung des letztjährigen Flaggschiffs. Denn nicht nur die Technik wurde auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht, auch neue Funktionen wie Edge Sense oder Active Noise Cancelling sollen Käufer locken. Doch dass ein vielversprechendes Datenblatt nicht zwangsläufig ein überzeugendes Produkt bedeutet, stellte zuletzt nicht nur das Samsung Galaxy S8 überraschend unter Beweis. Macht HTC es besser und liefert mit dem U11 ein stimmiges Gesamtpaket?

Angekündigt wurde das U11 indirekt bereits unmittelbar nach der Vorstellung des U Ultra im Januar. Denn nach Kritik an der Ausstattung des neuen Smartphones war HTC um Schadensminimierung bemüht und stellte klar, dass das U Ultra nicht das Topmodell für 2017 sein soll. Dieses würde erst nach dem Start einer neuen „Flaggschiff-CPU" folgen - gemeint war damit der Snapdragon 835. Qualcomms SoC ist am Ende auch der Grund dafür, dass das U11 erst nach dem Galaxy S8 und G6 an den Start gehen konnte. Die Rede war von Exklusivität, die Samsung vom Chip-Entwickler bis Ende Mai zugesichert wurde.

Inzwischen ist das U11 im deutschen Handel angekommen. Interessierten macht HTC es dabei einfach. Wer das Smartphone über einen Provider bezieht, erhält das Single-SIM-Modell, über den freien Handel wird die Dual-SIM-Version vertrieben. Vorerst wird das Gerät lediglich in Weiß, Schwarz und Blau angeboten, weitere Farben könnten zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Dann könnte auch der Preis gesunken sein. Denn knapp zwei Wochen nach dem Verkaufsstart orientieren sich alle Partner an der unverbindlichen Preisempfehlung in Höhe von 749 Euro.

Mit Snapdragon 835 fast an die Spitze

Langsam war schon der Snapdragon 821 nicht. Dennoch mussten HTC und LG sich Kritik anhören. Grund war die vermeintlich alte Technik im U Ultra und G6, für die beide Unternehmen jedoch den Preis aktueller Top-Smartphones aufriefen. Angesichts der vermuteten Exklusivität blieb beiden aber keine andere Wahl - entweder kein Oberklassegerät auf den Markt bringen oder auf den SoC des letzten Jahres setzen. Tatsache ist, und das dürfte niemanden überraschen, dass der Snapdragon 835 in Teilbereichen deutlich mehr Leistung als sein Vorgänger bietet. Dieses Plus spielt im Alltag aber keine Rolle, der Nutzer bekommt vom Mehr an Performance schlicht nichts mit.

Dabei profitiert der Snapdragon 835 vor allem nicht nur von der im direkten Vergleich doppelten Anzahl der CPU-Kerne, sondern auch vom Einsatz eines neuen CPU-Kerns. Beim im Snapdragon 820 und 821 eingesetzten Kryo-Kern handelt es sich um eine Qualcomm-Eigenentwicklung auf ARMv8-A-Basis. Der nun verbaute Kryo 280 basiert hingegen weitestgehend auf ARMs Cortex-A73 und wurde lediglich in Teilbereichen angepasst. Qualcomm greift hier auf eine Lizenz zurück, die ARM seit rund einem Jahr anbietet. Bis Mai 2016 hatten Unternehmen lediglich zwei Möglichkeiten, die ARM-Architektur in ihren SoCs zu verwenden: Entweder in Form der von ARM selbst entwickelten CPU-Kernen oder aber in Form der Architektur. Das neue Modell „Built on ARM Cortex Technology" stellt hingegen einen Mittelweg dar, der die Anpassung existierender ARM-CPU-Kerne erlaubt - auch preislich dürfte es sich um einen Kompromiss handeln.

In welchen Punkten Qualcomm den Cortex-A73 angepasst hat, ist nach wie vor nicht im Detail bekannt. Als sicher gilt, dass die Änderungen einen leicht positiven Einfluss auf die Integer-Leistung haben.

Deshalb ist der Blick auf die Zusammensetzung des Snapdragon 835 der interessantere. Mussten Snapdragon 820 und Snapdragon 821 mit zwei Clustern zu je zwei CPU-Kernen auskommen, sind es beim Snapdragon 835 doppelt so viele. Dabei vertraut Qualcomm sowohl im Performance- als auch im Efficiency-Cluster auf Kryo-280-Kerne, was eine gewisse Vielseitigkeit verspricht. Geschraubt hat man aber auch an den maximalen Taktraten, die nun bei 2,45 und 1,9 GHz liegen. Allerdings zeigen sich die beiden Cluster bezüglich der Taktung im Test wenig flexibel: Wo andere SoCs hier zwei oder mehr Taktraten gleichzeitig nutzen können, überrascht das U11 in dieser Hinsicht negativ - der Snapdragon 835 taktet alle CPU-Kerne eines Clusters identisch.

Einen spürbaren negativen Einfluss auf die Leistung hat das aber nicht. Gegenüber dem Snapdragon 821 und damit dem U Ultra liegt das Plus an CPU-Performance je nach Benchmark bei bis zu rund 50 %. Das liegt allerdings in erster Linie an der Verdoppelung der Kerne und nicht etwa an den Verbesserungen des Kryo 280 gegenüber seinem Vorgänger. Allerdings konnte Qualcomm die Einzel-Kern-Leistung den Messungen zufolge immerhin um 15 bis 20 % steigern. Das reicht in Summe für einen Platz auf dem Treppchen. In der Regel erreicht das HTC U11 in Bezug auf die CPU-Leistung fast in allen Benchmarks einen der ersten drei Plätzen. Im Schnitt liegen Samsungs Exynos 8895 und Huaweis Kirin 960 aber leicht vorn - im Alltag macht sich das aber nicht bemerkbar.

Zwischen 20 und 30 % beträgt hingegen das Plus der GPU. Die eingesetzte Adreno 540 ist der Adreno 530 des Snapdragon 821 näher, als es der Name vermuten lässt. Qualcomm hat in erster Linie Optimierungen vorgenommen, die unter anderem eine Anhebung des Maximaltaktes ermöglicht haben. Der liegt nun bei 710 statt 650 MHz. Dennoch reicht es auch in dieser Kategorie nicht für den Spitzenplatz, Samsung und Huawei sind schneller. Es gilt aber erneut: In der Praxis spielt das keine Rolle, selbst die fordernsten Spiele brachten das U11 im Test nicht an seine Grenzen.

Auch, da die Gesamtleistung über jeden Zweifel erhaben ist. Im populären 3DMark erreicht das Smartphone in den beiden Szenarien Ice Storm Unlimited und Slingshot mit etwa 40.000 und 4.100 Punkten neue Bestwerte, in AnTuTu 6 einen sehr guten zweiten Platz innerhalb unserer Rangliste. RAM und interner Speicher (64 GB, per microSD-Karte erweiterbar) sind da hilfreich. Bei ersterem handelt es sich um LPDDR4-Chips mit einer Kapazität von 4 GB, bei letzterem um UFS-Chips mit Übertragungsraten von bis zu 360 und 195 MB/s beim Lesen und Schreiben; die genaue UFS-Version will HTC nicht verraten.

Überraschend ist am Ende noch, wie souverän das U11 die Abwärme des Snapdragon 835 meistert. Selbst nach langen Volllastphasen erwärmte sich die Rückseite des Smartphones nur leicht, die Marke von 40 °C wurde nicht überschritten. Das macht sich auch in puncto Dauerleistung bemerkbar. Zwar fielen fps und Punktzahlen in Benchmarks in Dauerschleifen mit der Zeit geringer aus, das Minus bewegte sich in der Regel aber lediglich zwischen 5 und 10 %. Vielen Nutzern dürfte dies im Alltag nicht auffallen.