Seite 1: Honor 8 Pro im Test

Bis Anfang April war die Huawei-Welt noch in Ordnung: Die Kernmarke bedient Mittel- und Oberklasse, Honor das untere und mittlere Preissegment. Zwar durfte die Tochter erfolgreich Akzente setzen, eine Trennung war dennoch klar erkennbar. Das ändert sich nun mit dem Honor 8 Pro - dem Angriff auf die hauseigene und fremde Oberklasse-Konkurrenz.

Das gilt aber nicht nur in Bezug auf die Ausstattung oder den Preis, sondern auch das geänderte Vertriebsmodell. Bislang verließ Honor sich nahezu ausschließlich auf den eigenen Online-Shop sowie einige namhafte Online-Händler. Nur in sehr wenigen physischen Geschäften konnten die Smartphones vor dem Kauf in Augenschein genommen werden. Das entsprach dem eigenen Anspruch eines E-Brands und dem „digital native“ als Zielgruppe. Bei Preisen im unteren und mittleren Bereich hat das bislang augenscheinlich gut funktioniert, doch mit dem Honor 8 Pro dringt die Marke in eine neue Dimension vor. Ein Segment, das in Deutschland zu einem großen Teil von der Bündelung mit Laufzeitverträgen lebt.

Das Honor 8 Pro bläst zum Angriff auf die etablierte Smartphone-Oberklasse

Deshalb dürfte der Start der Provider-Kooperation nur ein logischer Schritt gewesen sein. Für am Gerät Interessierte bedeutet dies, dass an O2 kein Weg vorbeiführt. Die Münchner haben sich die exklusiven Vertriebsrechte gesichert, folglich kann das Honor 8 Pro nur über den Online-Shop des Providers sowie in einigen wenigen Filialen erworben werden. Zur Wahl stehen dabei der Erwerb des Geräts mit und ohne Vertrag. Das hat zur Folge, dass das neue Modell vor Ort direkt mit der Konkurrenz verglichen werden kann und die Marke vermutlich sehr viel stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Doch nur Präsenz reicht nicht, das mussten etablierte Smartphone-Hersteller zuletzt immer häufiger feststellen. Auch Preis und Leistung müssen stimmen - ein Verhältnis, das bei Honor zuletzt beispielsweise beim Honor 6X stimmte. Wie aber schaut es damit gleich zwei Stufen weiter oben aus?

Der Kirin 960 erreicht im Honor 8 Pro neue Bestwerte

Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Segment lässt sich vor allem auf zwei Arten bestimmen: Ausstattung und Preis. Zu ersterer gehört im Wesentlichen das, was für die Leistung eines Smartphones sorgt. Schließlich werden die Geräte immer häufiger als mobile Spielekonsole und für andersartige Unterhaltungszwecke genutzt. Und selbst unscheinbar wirkende Applikationen, die von vielen alltäglich gestartet werden, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Ressourcenfresser. Ist nur ein SoC der Einsteiger- oder Mittelklasse verbaut, kommt es da mitunter schon zu Rucklern, ärgerlichen Ladezeiten oder anderen Einschränkungen. All das hat Honor bei der Konzipierung des Honor 8 Pro nach eigenen Angaben berücksichtigt.

Die Entscheidung fiel deshalb auf den hauseigenen Kirin 960, der in dieser Form auch im Mate 9, P10 und P10 Plus der Mutter Huawei steckt. In den beiden erstgenannten Geräten konnte der Chip bereits ausführlich getestet werden und fast in allen Bereichen überzeugen. Er basierte im Wesentlichen auf je vier Cortex-A53- und -A73-CPU-Kernen sowie einer GPU vom Typ Mali-G71 MP8 und damit auf den schnellsten Komponenten, die ARM derzeit in diesem Bereich selbst anbietet. Die maximalen Taktraten gibt Honor mit 1,8 und 2,4 GHz für die CPUs sowie 1,037 GHz für die GPU an - hier gibt es keine Abweichungen gegenüber Mate 9 und Co.

Der im Honor 8 Pro verbaute Kirin 960 liefert mehr als ausreichend Leistung - aber nicht auf Dauer

Gleiches gilt auch für das Fertigungsverfahren - 16 nm FFC - und andere Details wie die Anbindung von internem Speicher und RAM. Letzterer fällt im Honor 8 Pro mit 6 GB (LPDDR4) großzügig aus, eine 4-GB-Variante gibt es anders als in China nicht. Dort wurde das Smartphone bereits im Februar als Honor V9 vorgestellt, unter anderem in einer Version mit kleinerem RAM. Für den internen Speicher ist UFS 2.1 vorgesehen, im Honor 8 Pro erreicht der aber nicht ganz die Übertragungsraten wie im P10. Mit bis zu 469 und 89 MB/s beim Lesen und Schreiben reicht es dennoch für einen der oberen Plätze.

Gleiches gilt für die üblichen Benchmarks. Ob 3DMark, AnTuTu, Geekbench oder GFXBench: Das Honor 8 Pro schneidet überall sehr gut ab, hier und da reicht es sogar für Bestleistungen. Auffallend ist dabei, wieviel schneller das neue Modell im Vergleich mit dem P10 ist. Das gilt vor allem für die Multi-Thread-Leistung der CPU sowie die GPU-Performance. Gerade letztere hatte in den bisher getesteten Kirin-960-Smartphone ein Stück weit enttäuscht, nun landet die Grafiklösungen aber selbst vor dem bisherigen Platzhirsch Adreno 530.

Vor allem die GPU-Leistung des Honor 8 Pro überrascht (3DMark Ice Storm Unlimited)

Das gilt allerdings nur dann, wenn über einen kurzen Zeitraum hohe Leistung abgerufen wird. Denn im Test brachen die Ergebnisse nach weniger als zwei Minuten spürbar ein - die Differenz gegenüber den höchsten Werten lag bei bis mehr als einem Drittel. Der Grund hierfür dürfte die Wärmeentwicklung sein. Auf der Rückseite des Honor 8 Pro wurden Temperaturen von rund 44 °C erreicht, laut Analyse-Tools erhitzte sich der Kirin 960 in solchen Szenarien auf mehr als 60 °C. Werte, die so weder beim Mate 9 noch beim P10 reproduzierbar waren - obwohl der Chip auch in diesen beiden Geräten nicht permanent die Höchstleistung zur Verfügung stellt. Denkbar ist deshalb, dass Honor eine weitaus aggressivere Temperaturstrategie verfolgt. Im Alltag dürfte von all dem aber nichts oder zumindest kaum etwas zu spüren sein. Denn trotz der Drosselung kam es auch bei technisch anspruchsvollen Applikationen nicht zu relevanten Rucklern oder ähnlichem. Mit der Darstellung der Oberfläche oder dem Betrieb der üblichen Applikationen hat das Honor 8 Pro ohnehin keine Probleme.

Am Rande bietet sich auch der Vergleich mit dem Samsung Galaxy S8 an. Denn der dort verbaute Exynos 8895 vertraut ebenfalls auf die Mali-G71, dort allerdings in der Ausbaustufe MP20. Gleichzeitig arbeitet die GPU dort aber nur mit 546 MHz - vermutlich, um die Abwärmeprobleme zu minimieren.

Auch Honor bietet nur USB 2.0

Regelrecht konservativ fällt die Bestückung mit Sensoren, Schnittstellen und weiterem aus. Das zum SoC gehörende LTE-Modem erreicht im Honor 8 Pro offiziell Cat 6 und damit 300 respektive 50 Mbit/s im Down- und Upstream. Anders als die China-Version Honor V9 unterstützt das europäische Modell das hier wichtige LTE-Band 20 (800 MHz). Im Test gab es bezüglich der Verbindungsstabilität keine Auffälligkeiten, ungewöhnliche Abbrüche oder Netzwechsel waren nicht zu beobachten.

Aber auch beim Telefonieren überzeugte das Testgerät. Zwar verbaut Honor nur zwei Mikrofone, die sorgten aber für eine ausreichende Unterdrückung störender Nebengeräusche. Der Frontlautsprecher deckt einen für Telefonate genügenden Frequenzbereich ab und ist auch laut genug. Der zweite Lautsprecher erreicht ebenfalls hohe Pegel und kommt lange Zeit ohne Verzerrungen ab, es fehlt aber klar an mittleren und vor allem tiefen Frequenzen. Als Gespann können die beiden Lautsprecher anders als beispielsweise im P10 Plus nicht arbeiten.

Wie bei Huawei: Das Honor 8 Pro bietet USB Typ-C, allerdings nur mit USB 2.0 dahinter

Für die Kommunikation mit drahtlosen Netzwerken steht ac-WLAN bereit, für noch kürzere Distanzen gibt es Bluetooth 4.2 und NFC. Fernseher und Co. lassen sich dank Infrarot-Sender ebenfalls steuern, eine entsprechende Applikation ist ab Werk auf dem Honor 8 Pro vorinstalliert. Lade-, bzw. Datenkabel und Headset können via USB-Typ-C-Buchse und 3,5-mm-Buchse angeschlossen werden, leider setzt Honor ebenso wie Huawei nur auf USB 2.0. Das steht dem schnellen internen Speicher ein Stück weit entgegen, der nicht mehr aktuelle Standard bremst sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen.

Reicht der fest verbaute Speicher mit seinen 64 GB nicht aus, kann ohne weiteres per microSD-Karte erweitert werden, maximal werden 128 GB große Karten unterstützt. Allerdings geht das wie üblich zu Lasten der Dual-SIM-Funktion. Die weicht in einem Punkt von der der meisten anderen Huawei- und Honor-Modelle ab. Zwar kann auch im Honor 8 Pro nur eine SIM-Karte im LTE-Netz betrieben werden, die zweite arbeitet hingegen in 2G- und 3G-Netzen; üblich waren hier bislang einmal LTE sowie einmal 2G.