Seite 2: Leistung, Display, Laufzeit

Der Kirin 960 ist schnell, aber nicht immer der schnellste

Viel bieten will Huawei aber nicht nur mit Blick auf die Ausstattung, auch die Leistung soll überzeugen. Allerdings wollte man sich dafür nicht auf andere verlassen, sondern setzt zum ersten Mal auf den neuen Kirin 960. Der als Nachfolger des noch im Mate 8 und P9 verbauten Kirin 950 und 955 konzipierte SoC wurde in wichtigen Details überarbeitet, die Unterschiede sollen teils gravierend sein.

Ein leichtes Plus verspricht man bei der CPU-Performance. Die im Kirin 950/955 noch vorhandenen vier Cortex-A72-Kerne mussten ihren Nachfolgern Cortex-A73 weichen, die maximale Taktrate des schnellen Clusters wurde jedoch auf 2,4 GHz begrenzt; beim Kirin 950 waren es 2,3, beim Kirin 955 2,5 GHz. Am langsamen Cluster wurde hingegen nichts verändert, hier bleibt es bei vier bis zu 1,8 GHz schnellen Cortex-A53-Kernen. Dennoch soll das Plus bei 10 bis 18 % liegen, abhängig von der Zahl der jeweils genutzten Kerne. Tatsächlich fällt der Zugewinn höher aus. In der Single-Thread-Wertung (Geekbench 3) erreichte das Mate 9 im Test rund 2.200 Punkte und damit etwa 24 und 29 % mehr als P9 und Mate 8. Im Multi-Thread-Test wurden mehr als 6.900 Punkte erreicht, hier sind es rund 10 % mehr. Im neueren Geekbench 4 reicht es für circa 1.900 und 5.500 Punkte, hier übertrifft das Mate 9 den bisherigen Spitzenreiter Pixel XL deutlich. Anders sieht es hingegen in Geekbench 3 aus. Berücksichtigt man die üblichen Schwankungen, teilt sich Huaweis Flaggschiff den ersten Platz in der Single-Thread-Wertung mit dem Pixel XL. Leicht absetzen kann man sich hingegen, wenn alle Kerne gefordert werden. Das Plus gegenüber dem zweitplatzierten Gerät, dem Galaxy S7, liegt bei fast 6 %, gegenüber dem bestplatzierten Snapdragon-820-Smartphone bietet das Mate 9 eine um 33 % höhere Performance.

Wichtiger war Huawei jedoch die GPU, zuletzt fast schon die traditionelle Achillesferse der eigenen Kirin-Chips. Entsprechend verwundert es nicht, dass man die zuletzt verbaute Mali-T880 MP4 gegen die brandneue Mali-G71 MP getauscht hat; als erster Hersteller überhaupt nutzt man ARMs Grafiklösung. Die zur aktuellen Bifrost-Generation gehörende GPU zielt vor allem auf hochauflösende Displays und VR-Anwendungen ab, soll aber auch in allen anderen Belangen mehr Leistung als die Vorgänger bieten. Huawei selbst nennt ein Plus von 180 %, also fast eine Verdreifachung gegenüber dem Kirin 950. Die ersten 100 % dürften dabei jedoch auf das simple Verdoppeln der Shader-Einheiten zurückgehen, aus vier (MP4) wurden acht (MP8). Der Rest des Zugewinns soll durch Architektur-bedingte Änderungen erreicht werden, am Takt (900 MHz) hat man hingegen nichts geändert.

Ob das der Grund dafür ist, dass das Plus im Test weit weniger groß aus versprochen ausfällt, ist unklar. Huawei selbst verwies im Rahmen der Präsentation auf die GFXBench-Szenarien Manhattan und T-Rex, jeweils im Offscreen-Modus. In beiden Durchläufen erreichte das Mate 9 im Mittel 31 und 73 fps und damit rund 70 % mehr als das Mate 8. Das ist zwar immer noch ein spürbarer Zugewinn, am Snapdragon 820 und 821 mit der verbauten Adreno 530 kommt der Kirin damit aber ebenso wenig vorbei wie am Exynos 8890 mit seiner Mali-T880 MP12. In der SoC-Rangliste reicht es in puncto GPU-Leistung somit nur für Rang 3. In Benchmarks wie dem 3DMark kann sich das Smartphone somit weit oben, aber nicht an der Spitze platzieren, das Pixel XL ist hier beispielsweise 10 bis 17 % schneller, das Galaxy S7 edge bis zu 15 %. In AnTuTu 6 gibt es ein ähnliches Bild, in der Gesamtwertung muss man die Snapdragon-82x- und Exynos-8890-Riege vorbeiziehen lassen, der Abstand fällt größtenteils aber äußerst gering aus.

Betrachtet man dann Tests wie PCMark oder Basemark OS II, relativiert sich der Eindruck ein Stück weit. Denn in beiden Benchmarks erreicht das Mate 9 den ersten Platz, der Vorsprung vor dem jeweils zweitplatzierten Gerät liegt bei 7 bis 14 %.

Ob der Kirin 960 am Ende der derzeit schnellste SoC im Android-Lager ist, hängt somit vom jeweiligen Einsatzgebiet ab. Klar ist aber, dass er über genügend Reserven für die nahe und mittlere Zukunft verfügt. Im Laufe des Tests gab es selbst mit den technisch fordernsten Spiele keinerlei Probleme, was auch an der Berücksichtigung aller derzeit wichtigen Grafikstandards liegt; Vulkan ist ebenso mit an Bord wie OpenGL ES 3.2.

Vielleicht wäre am Ende sogar noch etwas mehr drin, wenn die CPU-Kerne den Maximaltakt kontinuierlich halten könnten. Während der Benchmarks gab es immer wieder kürzere Einbrüche, das schnelle Cluster fiel dann auf etwa 1,8 GHz zurück, das langsamere auf 1,4. Hier könnte es sich um ein Problem mit der Wärmeentwicklung handeln, unter Volllast erreichte die Rückseite im Test rund 40 °C.

Der im 16-nm-FinFET-Plus-Verfahren gefertigte Chip weist aber gegenüber seinem Vorgänger auch noch andere Änderungen auf. Unter anderem unterstützt er nur noch RAM von Typ LPDDR4, kann mit UFS-2.1-Speicher umgehen und soll dank des Sensor-Hubs i6 sparsamer sein, wenn es um die Ansteuerung der diversen Sensoren geht. Neu sind darüber hinaus der Hi-Fi-Part des SoCs und die Integration des ISPs, der für die Verarbeitung der Kameradaten wichtig ist. Bislang war dieser nicht Teil des Chips, die neue Platzierung ermöglicht laut Huawei aber eine bessere Performance, was sich bei der Bildqualität bemerkbar machen soll.

Zu wenig Pixel und zu viel Blau

Auch wenn man es beim ersten Kontakt kaum glauben mag, das Display des Mate 9 fällt tatsächlich kleiner als das des Mate 8 aus. Ob der Unterschied von 0,1 Zoll im Alltag einen Unterschied macht, darf aber bezweifelt werden. Schließlich redet man einem Smartphone, dass immer noch eine Bildschirmdiagonale von 5,9 Zoll bietet. Interessant ist die Schrumpfkur aber dennoch. Schließlich führt die dazu, dass Huawei das Panel nicht unverändert übernehmen kann und entsprechend auch an anderen Details Änderungen vornehmen kann.

Doch in zwei ganz entscheidenden Punkten hat man diese Möglichkeit nicht genutzt. Erneut setzt man auf die IPS-Technik, erneut hält man 1.920 x 1.080 Pixeln fest. Das resultiert zwar in immer noch ausreichenden 373 ppi, wie schon in der Vergangenheit kann man diesbezüglich aber nicht mit der Oberklassekonkurrenz mithalten, bei der QHD längst etabliert ist - mit allen Vor- und Nachteilen. Entscheidender ist jedoch, wie hoch die Darstellungsqualität ist. Zunächst fällt auf, dass das Display mit rund 604 cd/m² in der Spitze sehr hell ist und somit auch bei direkter Sonneneinstrahlung ohne größere Einbußen abgelesen werden kann. Darunter leidet ein Stück weit der bestmögliche Schwarzwert, der bei nur 0,416 cd/m² liegt, was in einem Kontrastverhältnis von 1.454:1 resultiert.

Gemischt fällt auch die Bewertung der Farbdarstellung aus. Generell wirken alle Töne kräftig, aber nicht unnatürlich. Zu einem guten Teil liegt das an den abgedeckten Farbraumprofilen, beim sRGB-Standard werden beispielsweise 97 % erreicht. Allerdings offenbarte die Messung, dass es gleichzeitig einen Blaustich gibt. Ab Werk wurden rund 9.000 Kelvin genutzt, in den Display-Einstellungen kann mit Hilfe eines Farbrades jedoch eingegriffen werden. Einen besseren Wert als gut 7.400 Kelvin konnten wir aber nicht erreichen. Dafür gibt es wieder einen speziellen Lesemodus, der den Blauanteil des Bildschirminhalts verringert. Das soll Anstrengungen für die Augen minimieren, geht aber wie üblich zulasten der Farbechtheit.

Mit Googles VR-Lösung Daydream VR kann das Mate 9 übrigens nicht zusammenarbeiten. Lediglich das Schwestermodell Porsche Design Huawei Mate 9 wird als kompatibel geführt.

Lange Laufzeit, kurze Ladezeit

Mit dem Aus für das Galaxy Note 7 hat das Wettrüsten in Bezug auf die Akkugröße bei Smartphones einen traurigen Höhepunkt erreicht. Eine Entwicklung die zeigt, wie wichtig das Thema Laufzeit bei Herstellern und Verbrauchern ist. Deshalb ist es keine Überraschung, dass Huawei beim Mate 9 auch diesen Punkt explizit bewirbt.

Wie schon im Vorgänger liegt die Kapazität bei 4.000 mAh, womit sich das Gerät diesbezüglich klar oberhalb der Konkurrenz platziert. Im Zusammenspiel mit diversen Energiesparmaßnahmen auf Seiten des Betriebssystems sowie des SoCs soll eine Ladung bei laut Huawei üblicher Nutzung für mehr als zwei Tage ausreichen, selbst Power-User sollen weit mehr als Tag überstehen können. In den beiden standardisierten Tests konnte das Mate 9 gute bis sehr gute Werte erzielen. Die Video-Schleife mit lokal gespeichertem Full-HD-Material durchlief das Smartphone rund zwölf Stunden lang, im PCMark hielt es nicht ganz neuneinhalb Stunden durch.

Im Praxiseinsatz mit mehreren kurzen Telefonaten pro Tag, dem Abgleich von Mail-Konten sowie dem Surfen per WLAN und LTE konnten wir im Test etwa drei Tage ohne Ladegerät auskommen - erst nach nicht ganz 71 Stunden musste es wieder angeschlossen werden. Dabei wären noch bessere Zeiten möglich gewesen, denn auch das Mate 9 bietet verschiedene, mehrstufige Energiesparmodi an, die teilweise jedoch deutlich zulasten der Funktionalität gehen.

Genauso wichtig wie ein überzeugendes Durchhaltevermögen war Huawei jedoch auch das möglichst schnelle Wiederbefüllen. Hier setzt man erstmals auf die eigene SuperCharge-Technik, die das Laden mit bis zu 22,5 W ermöglicht - vorausgesetzt, das mitgelieferte Netzteil wird verwendet. Versprochen werden ausgehend von einem leeren Akku unter anderem etwa 240 Minuten Videowiedergabe nach nur zehn Minuten, 50 % Füllung nach 20 Minuten sowie ein komplett voller Akku nach 90 Minuten. Auf die Minute genau sind diese Angaben zwar nicht, im Test fielen die Abweichungen aber nicht gravierend aus - die Marke von 100 % wurde beispielsweise nach 105 Minuten erreicht.

Damit die hohe Ladeleistung nicht zu Schäden führt, wird der gesamte Vorgang mittels der „Super Safe 5 Gate Protection“ überwacht. Dabei werden Spannung und Temperatur permanent gemessen, um Gerät und Akku zu schützen. Die Auswirkungen lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes erfühlen: Beim Laden bleibt das Mate 9 kühler als die meisten anderen Smartphones mit Schnellladetechnik.

Wie bei Huawei üblich gibt es aber auch wieder zwei kleinere Kritikpunkte. So ist der Akku natürlich wieder fest verbaut und drahtloses Laden wird nicht unterstützt.