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Kommentar: Pokémon Go bringt die Smombies auf den Vormarsch

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pokemon go logoSicherlich lassen sich meine Erfahrungen von Sonntag nicht zwangsläufig auf ganz Deutschland übertragen, dennoch stelle ich folgende Behauptung auf: Am vergangenen Wochenende zog es vielerorts deutlich mehr Menschen auf die Straßen als noch in den Tagen zuvor. Schuld daran war nicht nur das sonnig, warme Sommerwetter oder das Finalspiel der Europameisterschaft im Fußball, sondern vor allem auch Pokémon Go. Richtig gelesen: Eine Smartphone-App, die in Deutschland eigentlich noch gar nicht offiziell gestartet ist und sich nur über Umwege auf Android- und Apple-Smartphones installieren lässt. Doch warum treibt ein 60 MB leichtes Smartphone-Spiel so viele Teilnehmer auf die Straßen?

Nun, Pokémon Go ist eine Augmented-Reality-App, die die virtuelle Welt mit der realen verbindet. Mithilfe von Standortdaten des GPS-Moduls im Smartphone werden markante Orte der realen Welt, wie zum Beispiel Kirchen, Einkaufszentren, Universitäten und Schulen zu ebenfalls wichtigen Orten im Spiel. Gleiches gilt für historische Brunnen und kleinere Kunstwerke an Hauswänden oder gar an Unterführungen und unter Brücken. In Pokémon Go werden solche Orte zu sogenannten Pokéstops und Arenen. Doch der Reihe nach.

In Pokémon Go schlüpft der Spieler wie im einstigen Gameboy-Spiel in die Rolle eines Pokémon-Trainers, der nach und nach auf die kleinen Monster stößt, sie einfängt und trainiert, um sie später in den Kampf gegen andere Pokémon-Go-Spieler zu schicken. Auf die kleinen Monster kann man dabei überall stoßen – ob zu Hause im Flur, auf der Straße oder im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Taucht auf der Karte im Smartphone ein Pokémon auf, braucht man nur noch seine Pokébälle zu zücken und per Streichgeste auf das Pokémon werfen. Hat man es getroffen, wird es automatisch im Pokédex aufgenommen und gehört nun zum Repertoire des Spielers – sofern es nicht noch einmal ausbüchst oder gar flieht. Ist das Pokémon zu weit weg oder nicht im Sichtfeld der Handykamera, muss sich der Spieler näher an den Ort begeben, um seine Pokébälle über den Smartphone-Bildschirm werfen zu können.

Pokébälle und andere Items, die das Fangen der Pokémons erleichtern, sie wiederbeleben oder heilen können, gibt es an den Pokéstops, welche alle fünf Minuten aufgesucht werden können. Mit etwas Glück kann man dort auch Eier finden, aus denen die kleinen Monster schlüpfen. Um sie auszubrüten, legt man sie in den Brutkasten und wartet ab. Geschlüpft wird allerdings nicht nach einer bestimmten Zeit, sondern nach getanen Schritten. Für die Eier mit kampfschwachen Pokémon muss man in Pokémon Go und damit in der realen Welt 2,0 km Laufstrecke zurücklegen – für stärkere gar 5,0 bis 7,5 km.

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Die Altstadt wird zum Jagdgebiet für Pokémon

Pokéstops und Arenen ziehen Spieler an

Diese Pokéstops wurden am Wochenende zu wahren Sammelplätzen von Spielern, die sich Pokémon Go bereits vorab aus dem australischen App-Store oder per Drittanbieter-Installation besorgt hatten. Sie können nämlich mit einem Lockmodul ausgerüstet werden, das Pokémon 30 Minuten lang an den Pokéstop lockt – von diesem Effekt profitiert nicht nur derjenige, der das Modul eingesetzt hat, sondern alle Spieler von Pokémon Go. Die Module sind heiß begehrt, gibt es sie im Laufe des Spiels nur in höheren Leveln oder können nur gegen Echtgeld im Shop erworben werden. Zum Sammeln neuer Pokémon aber helfen sie ungemein.

Als Kind der frühen 90er habe ich schon früh die Liebe zu Pokémon entdeckt, damals alle Sammelkarten besessen und die blaue, rote und gelbe Edition auf dem Gameboy durchgespielt. Die Vorstellung, ein Pokémon-Trainer zu sein, begeisterte mich als kleiner Junge durchaus. Mit Pokémon Go geht für mich und viele Fans der Serie sicherlich ein kleiner Kindheitstraum in Erfüllung. Die App frühzeitig auszuprobieren war für mich also Pflicht und auch mein Freundeskreis fragte zahlreich bei mir an. Pokémon Go hat sich schon jetzt zu einem Megahit entwickelt und damit nicht nur mich als alteingesessenen Fan begeistert. Ursprünglich sollte der Titel nach und nach auch in anderen Ländern ausgerollt werden, doch schon nach dem US-Start zwang der gewaltige Ansturm die Server in Knie. Die Folge: Viele Spieler konnten sich nicht mehr einloggen, die Verbindung zu den Servern brach regelmäßig ab, Pokéstops und Arenen konnten nicht mehr aufgesucht werden. Die Entwickler von Nantic Labs und der Pokémon Company brachen den weltweiten Rollout daraufhin auf unbestimmte Zeit ab, um die Technik zu verbessern. Am Sonntag aber lief das Spiel schon deutlich zuverlässiger, wie man in den sozialen Netzwerken unter den einschlägigen Hashtags zu Pokémon Go in Erfahrung bringen konnte. Die ersten eigenen Tests verliefen am Wochenende aber ebenfalls deutlich reibungsloser.

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Die Augsburger Puppenkiste ist ein Pokéstop

Dass ich am Wochenende schon auf den einen oder anderen Pokémon-Go-Spieler treffen würde, das hatte ich mir bereits im Vorfeld ausgemalt, denn schon wenige Stunden nach dem inoffiziellen Start des Spiels waren die Arenen in meiner Umgebung von gegnerischen Pokémons oder aber von Monstern des eigenen Teams besetzt. Das zeigte mir, dass ich in meiner nahen Umgebung schon Mitspieler hatte. Dass ich während meines ersten Streifzuges durch die schöne Altstadt von Augsburg aber auf derart viele Spieler stoßen würde, überraschte mich schon ein wenig. An jedem Pokéstop mit Lockmodul kam nach wenigen Minuten die nächste Gruppe Jugendlicher, die mit ihrem Smartphone in der Hand durch die Gassen liefen. Schnell kam man ins Gespräch, tauschte sich über die neusten Pokémon-Fänge aus und beschloss gemeinsam die nächst gelegene Arena zu stürmen und zu besetzen. In Pokémon Go müssen sich alle Spieler ab Level 5 für eine Team-Farbe entscheiden – dann können gleichfarbige Arenen mit den eigenen Pokémon gestärkt oder aber gegnerische geschwächt und eingenommen werden. Im Team geht das natürlich einfacher.

Um sich besser abzusprechen, wurden Handynummern getauscht und WhatsApp-Gruppen gegründet. Selbst im eher beschaulichen Augsburg kamen da schnell 30 Leute zusammen, zumal nicht alle mitmachen wollten. Und das obwohl das Spiel noch gar nicht offiziell über die App-Stores in Deutschland verfügbar ist und Augsburg trotz seines erstklassigen Fußballclubs, der während der letzten Saison in der Euro-Leauge spielen und andere Länder bereisen durfte, nicht gerade eine Weltmetropole ist. Gerade aber wegen der geschichtsträchtigen und durchaus sehr schönen Altstadt mit ihren zahlreichen Elias-Holl-Bauten und Prachtgebäuden aus der Fugger-Zeit, zählt die immerhin drittgrößte Stadt Bayerns besonders viele Pokéstops, die am Wochenende viele Pokémon-Go-Spieler dazu ermunterte, durch die Altstadt zu ziehen. Am Stadtrand gibt es zwar ebenfalls Arenen und Pokéstops, die sind jedoch weniger dicht besiedelt.

Pokémon-Go-Spieler leben gefährlich 

Die Stadt selbst dürfte es überhaupt nicht gerne sehen, wenn ihre Bürger lieber auf das Smartphone starren als auf die tatsächlichen Sehenswürdigkeiten. Vor etwa einem halben Jahr fingen die Stadtwerke als Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs in Augsburg damit an, an Straßenbahnübergängen LEDs im Boden zu installieren, die aufleuchten, wenn eine Straßenbahn anrollt. Sie sollen den typischen Smombie, jene Gestalt, die ständig auf ihr Smartphone starrt und durch die Straßen stapft, vor der anrollenden Gefahr warnen. Diese rund 10.000 Euro teuren Aufbauten wurden überwiegend an Haltestellen installiert, an denen sich hauptsächlich Schüler und Studenten aufhalten.

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LEDs warnen den Smartphone-Nutzer in Augsburg für anrückenden Straßenbahnen

Das Smombie-Dasein hatte ich eigentlich unlängst abgelegt. Schon zu Schulzeiten war ich technikbegeistert und hatte mir schnell das erste Smartphone angeschafft – im Freundeskreis war ich einer der Ersten. Regelmäßig wurde ich dann von meinen Freunden darauf aufmerksam gemacht, ständig auf den Bildschirm zu starren. Inzwischen werden keine E-Mails mehr auf das Smartphone gepusht, die Facebook-Anwendung ist längst gelöscht und von unsinnigen WhatsApp-Gruppen halte ich mich fern oder schalte sie stumm. Inzwischen bin nicht mehr ich derjenige, der ständig geschimpft wird, wenn er sein Smartphone zückt, sondern diejenigen, die mich damals beschimpft hatten. Mit Pokémon Go hat sich das zumindest am Sonntag Nachmittag wieder geändert. Vermutlich aber wird das nur eine kurze Zeit lang so sein, bis die App in wenigen Wochen wieder uninteressant wird und ich alle rund 100 Pokémon gesammelt habe – die ersten kenne ich ohnehin am besten.

Außerdem leben Pokémon-Go-Spieler gefährlich wie man jüngst in der Boulevard-Presse lesen konnte: In den USA soll es auf einem viel befahrenen Highway zu einer Massenkarambolage gekommen sein, weil ein Pokémon-Go-Spieler anhielt, um ein plötzlich auftauchendes Pikachu zu fangen. (Falschmeldung) In einer anderen Stadt zwangen Spieler die örtliche Polizei dazu, in einer Aussendung an die ansässigen Medien mitzuteilen, dass die Wache für die Arena nicht betreten werde müsse – zu groß war der Andrang. Aber auch in Deutschland kam es zu einem kuriosen Zwischenfall: Während ihrer Pokémon-Jagd fand eine Spielerin nicht etwa ein neues Monster, sondern eine männliche Leiche.