Seite 1: Apple iPhone 6 und iPhone 6 Plus im Test

apple-iphone-6-6-plus-08-950x629Darf es etwas mehr sein? Bereits zum zweiten Mal hat Apple das Display des iPhones vergrößert und damit eingeräumt, dass 4 Zoll doch nicht - mehr - die optimale Größe für ein Smartphone sind. Mit 4,7 und 5,5 Zoll fallen das iPhone 6 und iPhone 6 Plus deutlich größer aus, aber beide bieten weitaus mehr Neuerungen als nur gewachsene Bildschirme. Doch reichen diese aus, um die Konkurrenz in die Schranken zu weisen und den Führungsanspruch zu erneuern?

Einfacher als noch vor einem Jahr wird dies nicht, denn nicht nur das Android-Lager hat sich seitdem weiterentwickelt, auch Windows Phone mit seinen Smartphones ist reifer geworden - vor allem in Hinblick auf Verarbeitungs- und Kameraqualität. Nicht zu vergessen sind aber auch die Unterschiede, die bereits länger vorhanden sind, hier vor allem der Preis. Denn während Apple an seiner Hochpreisstrategie festhält und in der Spitze bis zu knapp 1.000 Euro verlangt, fallen bei der Konkurrenz die Preise schneller als zuvor. Klar ist also: Den Preis-Leistungssieg wird Apple auch 2014 sicherlich nicht erlangen.

Hardware

Ähnlich sieht es bei den technischen Daten aus. Beinahe schon traditionell verweigert man sich in Cupertino dem Wettlauf in Sachen Auflösung, SoC und Megapixeln. Ausgereift statt neu, so die Devise. Während dieses Credo schon seit dem ersten iPhone gilt, ist die aktuelle Zweigleisigkeit im Grunde neu. Zwar sind das iPhone 6 und iPhone 6 Plus in weiten Teilen technisch identisch, so mancher Unterschied ist aber dennoch vorhanden.

So zum Beispiel beim SoC. Dieser hört auf den Namen A8 und stellt im Wesentlichen eine Weiterentwicklung seines Vorgängers A7 dar, der unter anderem im iPhone 5s verbaut wird. Damit bleibt es bei zwei eigenentwickelten CPU-Kernen, die als „Cyclone 2. Generation“ bezeichnet werden, auf Basis des ARMv8-Befehlssatzes. Entsprechend ist der Chip erneut 64-Bit-tauglich. Den Maximaltakt hat Apple von 1,3 auf 1,4 GHz angehoben, in Summe soll die reine CPU-Leistung aber dennoch 25 Prozent höher als noch beim A7 ausfallen.

So ähnlich und doch so unterschiedlich: Nicht nur bei Display unterscheiden sich beide Modelle
So ähnlich und doch so unterschiedlich: Nicht nur bei Display unterscheiden sich beide Modelle

Keinen Einfluss darauf hat jedoch der ebenfalls aus dem A7 bekannte Co-Prozessor, der nun aber die Bezeichnung M8 - im vergangenen Jahr hieß er noch M7 - trägt. Zwar hat Apple auch hier die Performance nach eigenen Angaben steigern können, der eingesetzte Cortex-M3-Kern kümmert sich aber nach wie vor um einen eigenen, sehr kleinen Aufgabenbereich. Zu diesem gehört vor allem das Erfassen von Sensordaten, die beispielsweise vom neuen Barometer, aber auch vom Gyroskop oder Beschleunigungsmesser stammen können. Der Vorteil: Selbst im Standby kann der M8 die Informationen sammeln und vorverarbeiten, die beiden leistungsfähigeren - und energiehungrigeren - Haupt-Kerne müssen dafür nicht herangezogen werden.

Vollkommen neu ist hingegen die GPU. Hier setzt Apple auf die PowerVR GX6450, die das Modell G6430 im A7 ersetzt. Mit insgesamt vier Clustern, acht Textur-Einheiten und 192 FP32-ALUs erreicht die Grafikeinheit bei gleichem Takt eine ähnliche Leistung wie Nvidias Tegra K1. Gegenüber der G6430 steigt die Leistung jedoch signifikant, je nach Nutzung liegt das Plus zwischen 50 und 100 Prozent. Dabei dürfte die Energieeffizienz gleichzeitig höher ausfallen. Denn während der A7 noch im 28-nm-Verfahren gefertigt wird, konnte der A8 auf 20 nm geschrumpft werden; davon ausgenommen der 150 MHz schnelle M8, der noch veraltete 90-nm-Strukturen aufweist.

Neue Hülle, neuer SoC: Der A8 ist trotz nur zweier Kerne einer der schnellsten
Neue Hülle, neuer SoC: Der A8 ist trotz nur zweier Kerne einer der schnellsten

Während der Einsatz des A8 schon lange vor der Vorstellung der neuen iPhones als sicher galt, war bis zuletzt unklar, ob Apple beim Arbeitsspeicher umdenken würde. Denn schon beim iPhone 5s galt 1 GB als mitunter zu wenig, dennoch müssen auch das iPhone 6 und iPhone 6 Plus mit der gleichen Kapazität auskommen. Und auch an dessen Leistungsfähigkeit hat man nicht geschraubt, hier bleibt es bei LPDDR3-RAM mit 1.333 MHz. Dabei dürfte eine Erhöhung zumindest mittelfristig die bessere Wahl gewesen sein. Denn durch die höhere Display-Auflösung beider Varianten würden vor allem aufwändige Spiele, eine der iOS-Stärken, davon profitieren - von Vorteilen beim Multitasking einmal abgesehen.

Dafür hat ein neues Mobilfunkmodem Einzug gehalten. Die erneut von Qualcomm stammende Lösung unterstützt LTE nach Cat 4, Downloads mit bis zu 150 Mbit pro Sekunde steht somit zumindest in der Theorie nichts im Wege; das iPhone 5s ist auf Cat 3 und 100 Mbit beschränkt. Aus Sicht Apples aber wichtiger scheint die Zahl der nutzbaren Frequenzbereiche zu sein. Denn während die Letztjahresgeneration in der EU-Version lediglich sieben Blöcke unterstützte, decken das iPhone 6 und iPhone 6 Plus nun gleich 20 ab. Darunter befinden sich alle hierzulande in der Praxis verfügbaren Frequenzen (800, 1.800 und 2.600 MHz). Für Reisende ein großer Vorteil: Dank der weitreichenden Unterstützung kann LTE nun auch unter anderem auch in den USA und einigen asiatischen Staaten wie Japan genutzt werden. Beinhaltet der eigene Tarif keine LTE-Nutzung oder steht das schnelle Datennetz nicht zur Verfügung, stehen die langsameren Standards DC-HSPA und HPSA+ bereit. Darüber lassen sich bis zu 42,2 Mbit pro Sekunde erreichen. In Hinblick auf LTE eine weitere Neuerung: Erstmals ist ein iPhone VoLTE-tauglich. Damit können Telefonate auch über LTE-Verbindungen geführt werden, was einerseits den Akku ein wenig entlastet, andererseits die Sprachqualität theoretisch verbessert. Für deutsche Nutzer spielt dies derzeit aber keine Rolle. Denn noch bietet keiner der hiesigen Provider VoLTE in der Praxis an. Gleiches gilt für WiFi-Calling, das beide neuen iPhones ebenfalls unterstützen.

Kein Antennagate: Isolierungen für die Antennen (iPhone 6)
Kein Antennagate: Isolierungen für die Antennen (iPhone 6)

Aber auch ohne die beiden Techniken können beide iPhones in Sachen Telefonieeigenschaften überzeugen. Nebengeräusche werden effektiv herausgefiltert, angesichts der Größe und der damit einhergehenden Platzierung des Hauptmikrofons dichter am Mund gefällt das größere der beiden Modelle in diesem Punkt minimal besser.

Für die Datenübertragung daheim oder im Bereich eines Hotspots interessant ist das neue WLAN-Modul. Dieses kann nun auch gemäß dem ac-Standard und somit schneller als noch im iPhone 5s arbeiten. Dessen Dual-Band-Tauglichkeit, also der Einsatz in WLANs mit 2,4 und 5,0 GHz, ist erneut vorhanden. Gleiches gilt für Bluetooth 4.0. Eine Abkehr von der bisherigen Philosophie bedeutet hingegen der Einsatz eines NFC-Chips. In der Vergangenheit hatte Apple den Nutzen des Kurzstreckenfunks immer wieder als zu gering und dessen Energiebedarf als zu hoch betitelt, nun greift man dennoch darauf zurück. Außerhalb der USA liegt die Technik im iPhone 6 und iPhone 6 Plus jedoch brach. Denn derzeit kann NFC nur für den eigenen Zahlungsdienst Apple Pay genutzt werden, der jedoch nur in Apples Heimat angeboten wird; eine Programmierschnittstelle für Drittentwickler gibt es nicht.

Mittlerweile bekannt ist der Lightning-Port, der als Alternative zum bei anderen Smartphones üblichen Micro-USB-Anschluss dient. Die zweite physische Schnittstelle ist die kombinierte Audio-Buchse, die erneut am unteren Ende des Smartphones untergebracht ist.

Wie gehabt: Audio-Buchse und Lighning-Port am unteren Ende (iPhone 6 Plus)
Wie gehabt: Audio-Buchse und Lighning-Port am unteren Ende (iPhone 6 Plus)

Damit enden zunächst die Gemeinsamkeiten der beiden neuen Apples-Smartphones. Denn die Displays unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Diagonalen, sondern auch in den Punkten Auflösung und Pixel-Dichte. Das kleinere iPhone 6 bringt es auf 4,7 Zoll und zunächst „krumm“ wirkende 1.334 x 750 Pixel. Dass die Zahl der Bildpunkte nicht zufällig gewählt wurde, zeigt der Blick auf die Schärfe. Denn die Kombination aus Größe und Bildpunktanzahl ergibt 326 ppi - exakt jenen Wert, den auch das iPhone 5s schon geboten hat. Damit wird zum einen der von Apple selbst kreierte Retina-Display-Standard gehalten, zum anderen skalieren nicht angepasste Applikationen besser.

Anders sieht letzteres hingegen beim iPhone 6 Plus aus. Denn auf 5,5 Zoll verteilen sich hier 1.920 x 1.080 Pixel, was in einigen Fällen zu einer leichten Unschärfe führt. Dabei liegt die Pixel-Dichte hier mit 401 ppi spürbar höher - ein Unterschied, der bei genauem Betrachten erkennbar ist. Ebenfalls mit bloßem Auge zu sehen - zumindest im direkten Vergleich - ist die Verbesserung hinsichtlich der Farbdarstellung sowie der Blickwinkelstabilität. Laut Apple sind dafür die Techniken „Dual-Domain Pixel“ sowie „Photo Alignment“ verantwortlich. Unter anderem sollen die Flüssigkristalle des Panels so exakter ausgerichtet werden - auch, um bessere Schwarzwerte zu erzielen.

Gute Displays haben beide Modelle, Unterschiede gibt es dennoch
Gute Displays haben beide Modelle, Unterschiede gibt es dennoch

Laut Messwerten fallen diese aber nicht so gut wie erhofft aus. Denn mit 0,40 und 0,36 cd/m2 (iPhone 6/iPhone 6 Plus) bewegen sich beiden Display in einem für IPS-Panels typischen Bereich. Und auch in Hinblick auf die Farbtemperaturen können beide Geräte keinen Spitzenplatz einnehmen, durchschnittlich 7.400 und 7.200 Kelvin (iPhone 6/iPhone 6 Plus) sind allenfalls Mittelmaß. Anders sieht es bei der Hintergrundbeleuchtung aus. Das kleinere iPhone 6 erreicht hier in der Spitze 612 cd/m2 bei einer sehr gleichmäßigen Helligkeit, die Homogenität liegt bei 93 Prozent. Etwas dunkler, aber für den Einsatz in hellen Umgebungen immer noch völlig ausreichend, präsentiert sich das iPhone 6 Plus. Hier werden bis zu 508 cd/m2 und 89 Prozent erreicht. Zu guter Letzt enttäuschen auch die Kontrastverhältnisse mit 1.525:1 und 1.397:1 (iPhone 6/iPhone 6 Plus) nicht.

Verschiedene Maßnahmen soll Farbdarstellung und Blickwinkel verbessern (iPhone 6)
Verschiedene Maßnahmen soll Farbdarstellung und Blickwinkel verbessern (iPhone 6)

Schon seit der ersten Generation gilt Apple als Anbieter hochwertig gestalteter und verarbeiteter Smartphones. Dabei hat man in den bislang acht Generationen - betrachtet man das iPhone 3G als eigenständige Auflage - lediglich erst zum vierten Mal umfassend Hand an das Design gelegt. Fielen die Versionen 4 bis 5s vor allem durch ihren kantigen Rahmen auf, folgen das iPhone 6 und iPhone 6 Plus in diesem Punkt eher den ersten drei Generationen.

Dennoch bieten beide Neuheiten eine sehr eigenständige Optik, die jeweils an flache Kiesel erinnert - mit 129 und 179 g fallen die Smartphones aber deutlich leichter aus. Aus allen Perspektiven bietet das Gehäuse Rundungen, sowohl von der Seite aus betrachtet oder vor vorne. Wie üblich setzt Apple jedoch nur wenige Akzente. War dies zuletzt das auf der Rückseite farblich abgesetzte obere und untere Ende sowie der Rahmen mit seinen beiden Fasen, müssen nun die leicht hervorstehende Kamera sowie die Antennenisolierungen - Antennagate weiderholt sich nicht - herhalten. Letztere sorgen vor allem beim größeren iPhone 6 Plus dafür, dass das Gehäuse kleiner wirkt als es tatsächlich ist.

Identische Schnittstellen: Schnelles LTE und ac-WLAN bieten beide Modelle
Identische Schnittstellen: Schnelles LTE und ac-WLAN bieten beide Modelle

Generell hat Apple darauf geachtet, erneut aus Aluminium bestehende Hüllen kompakter wirken zu lassen. Mit 138,1 × 67,0 × 6,9 und 158,1 × 77,8 × 7,1 mm (iPhone 6/iPhone 6 Plus) fallen beiden Geräte jedoch mitunter deutlich größer als die Konkurrenz mit gleichen Bildschirmdiagonalen aus. So bringt es das 4,6 Zoll große Sony Xperia Z3 Compact auf nur 127,3 x 64,9 x 8,6 mm, LGs G3 mit seinen 5,5 Zoll kommt mit 146,3 x 74,6 x 8,9 mm aus. Allerdings erreichen nur sehr wenige Smartphones die sehr hohe Verarbeitungsqualität. Ungleiche Spaltmaße, wackelige Tasten oder andere Fehler gibt es nicht und selbst die Übergänge zwischen Gehäuse und Isolierung sind kaum tastbar. Nicht zuletzt aufgrund der leicht rauen Oberfläche von Rückseite und Rahmen kommt eine sehr hohe Wertigkeit hinzu, insgesamt schaffen es beide neuen iPhones, den hohen Preis fühlbar zu machen.

Ein bereits in den ersten Tagen bekannt gewordenes Problem im Zusammenhang mit dem Gehäuse des iPhone 6 Plus konnte im Test nicht festgestellt werden. Das bereits als „Bendgate“ bezeichnete Verbiegen im Bereich des SIM-Slots trat beim Testgerät nicht auf.

Schon nach dem ersten Kontakt mit den neuen iPhones steht schnell fest, dass die Bedienung mit nur einer Hand nicht mehr möglich sein wird. Diese Stärke aller bisherigen Modelle hat Apple zugunsten größerer Displays aufgegeben, so manche Veränderung oder manchen Kniff soll die Handhabung aber etwas weniger erschweren.

Premiere: Erstmals sitzt die Standby-Taste nicht am oberen Ende
Premiere: Erstmals sitzt die Standby-Taste nicht am oberen Ende

Der wohl auffälligste Punkt ist dabei die Umplatzierung der Standby-Taste. In der Vergangenheit war diese immer am oberen Ende untergebracht, nun wurde sie an den rechten Rand auf Höhe der Lautstärkeregulierung gegenüber versetzt. Damit lassen sich nach wie vor zumindest die Tasten problemlos einhändig bedienen - hier nehmen sich beide Modelle nichts. Anders sieht es hingegen beim Haltekomfort aus. Während das iPhone 6 mit seinen 4,7 Zoll auch in mittelgroßen Händen sicher und problemlos untergebracht werden kann, benötigt man für das 5,5 Zoll messende iPhone 6 Plus schon große Hände. Vor allem hier profitiert man dann jedoch von den Rundungen des Gehäuses, durch die sich das Smartphone regelrecht an die Form der Hand anpasst.

Für die sonstige Bedienung ein kleiner Vorteil ist eine Neuerung in iOS 8. Denn mit einem Doppel-Tap auf den Home-Button lässt sich der Bildschirminhalt an das untere Display-Ende ziehen. Im Test fiel allerdings schon nach kurzer Zeit auf, dass die Funktion eher selten genutzt werden dürfte.

Links die Standard-Darstellung, rechts nach einem Doppel-Tap
Links die Standard-Darstellung, rechts nach einem Doppel-Tap

Eine Enttäuschung in Sachen Ergonomie ist die Ausnutzung der Front. Denn beide iPhone-Displays nehmen nur 65,8 respektive 67,8 Prozent (iPhone 6/iPhone 6 Plus) der Vorderseite ein. Als gut gelten Werte oberhalb von 70 Prozent, den Klassenprimus stellt aktuell das Huaweis Ascend Mate 7 dar, das mehr als 80 Prozent erreicht. Nicht zuletzt diese schlechten Werte sorgen dafür, dass die neuen Apple-Smartphones im direkten Vergleich größer als die Konkurrenz ausfallen.