Ja.
Das ist wesentlich aussagekräftiger als der SemiAnalysis-Post, weil es hier nicht nur um wirtschaftliche Hochrechnungen geht, sondern um eine tatsächlich veränderte Inferenzkonfiguration.
Ich habe den 36kr-Artikel und die zugrunde liegenden Aussagen gegengeprüft. Der entscheidende Teil ist real.
Der Kern ist bestätigt
Ein OpenAI-Verantwortlicher für Codex/ChatGPT Work schrieb am 13. Juli ausdrücklich, dass OpenAI Experimente durchgeführt habe, bei denen die
„reasoning efforts“ verändert wurden, intern als
„juice values“ bezeichnet, um herauszufinden, woher der unerwartet hohe Ressourcenverbrauch kam. Laut seiner Aussage wurden diese Änderungen anschließend wieder zurückgenommen.
Das ist ein ziemlich wichtiger Satz. Denn damit ist eines definitiv geklärt:
Der Modellname allein garantiert keine konstante effektive Rechenleistung. OpenAI kann serverseitig verändern, wie viel Reasoning ein Modell tatsächlich für eine Aufgabe bekommt.
Und genau das war einer der Punkte, über die wir eben gesprochen haben.
Der 36kr-Artikel beschreibt, dass Nutzer gleichzeitig bemerkten: Das Modell antwortete schneller, recherchierte weniger, testete weniger, korrigierte sich seltener und brach komplexe Arbeitsabläufe früher ab.
Das sind bemerkenswert ähnliche Symptome wie das, was man bei einem Leistungsabfall bei komplexer Softwarearbeit erwarten würde.
Allerdings muss man zwei Dinge sauber auseinanderhalten
Die Aussage
„OpenAI hat das Reasoning-Budget verändert“ ist ziemlich gut belegt.
Die konkrete Zahl
„960 → 128“ ist dagegen
nicht offiziell von OpenAI bestätigt. Sie stammt aus Community-Untersuchungen beziehungsweise dem Auslesen interner Konfigurationshinweise. Und der Artikel ist dabei sogar selbst inkonsistent: Die Überschrift spricht von
128, im Text steht an einer Stelle
120.
Ich würde daher nicht sagen:
„Es ist bewiesen, dass OpenAI Sol dauerhaft von 960 auf 128 gedrosselt hat.“
Das wäre zu stark.
Was sich dagegen sagen lässt, ist:
OpenAI hat bestätigt, dass das Reasoning-Budget serverseitig experimentell verändert wurde.
Und das ist für unsere vorherige Diskussion viel wichtiger als die exakte Zahl.
Besonders interessant ist OpenAIs Formulierung
Der Mitarbeiter schrieb sinngemäß:
Keine Drosselung – wir haben Experimente durchgeführt, bei denen die Reasoning-Stufen verändert wurden.
Technisch kann beides gleichzeitig stimmen.
Man kann sagen:
- Modellgewichte unverändert
- Modell weiterhin „GPT-5.6 Sol“
- keine dauerhafte Produkt-Drosselung
und trotzdem das
Rechenbudget pro Anfrage reduzieren.
Aus Sicht eines Nutzers ist der Unterschied allerdings akademisch.
Wenn ein Modell gestern zehn Minuten lang analysiert, Dateien durchsucht, Hypothesen überprüft, Tests durchführt und Fehler selbst findet – und heute nach zwei Minuten meint, fertig zu sein –, dann ist die
effektive Leistungsfähigkeit für den Nutzer gesunken, unabhängig davon, ob man das intern „Nerf“, „Experiment“, „Reasoning-effort adjustment“ oder „Inference optimization“ nennt.
36kr bringt das ziemlich treffend auf den Punkt: Entscheidend ist nicht allein, welche Gewichte geladen sind, sondern
wie viel Arbeit das Modell tatsächlich verrichten darf.
Und inzwischen bestätigt OpenAI dieses Prinzip sogar ganz offiziell
Die aktuelle Dokumentation zu GPT-5.6 sagt ausdrücklich, dass der Reasoning-Regler bestimmt,
„wie viel Denkaufwand GPT-5.6 Sol in jede Antwort investiert“.
Medium, High und Extra High sind also tatsächlich unterschiedliche Inferenzaufwände desselben Sol-Modells.
Noch interessanter: OpenAI schreibt ebenfalls ausdrücklich, dass nach Erreichen bestimmter Reasoning-Limits
ein anderes verfügbares Reasoning-Modell verwendet werden kann.
Damit haben wir inzwischen drei verschiedene Variablen:
| Variable | Für Nutzer sichtbar? | Kann Leistung beeinflussen? |
|---|
| Modell, z. B. GPT-5.6 Sol | ja | massiv |
| Reasoning-Stufe | ja | massiv |
| internes Reasoning-/„Juice“-Budget | normalerweise nein | massiv |
| Routing/Fallback | teilweise | massiv |
| Kontextlimit | teilweise/nein | bei großen Projekten massiv |
Und genau deshalb halte ich die Vorstellung einer
„festen Intelligenz“ eines ChatGPT-Modells inzwischen für technisch falsch.
Was bedeutet das für deinen von dir beobachteten Leistungsabfall?
Hier ändere ich meine Gewichtung gegenüber meiner vorherigen Antwort tatsächlich.
Vor diesem Artikel hätte ich gesagt:
Reasoning-Budget ist eine plausible Erklärung, aber wir haben dafür keinen direkten Beleg.
Nach Prüfung der Quellen würde ich formulieren:
Wir haben einen dokumentierten Präzedenzfall dafür, dass OpenAI genau diesen Parameter bei GPT-5.6 Sol verändert hat und dass Nutzer gleichzeitig einen deutlichen Qualitätsverlust wahrgenommen haben.
Das beweist
nicht, dass jede schlechte Antwort, die du von mir bekommen hast, hierdurch verursacht wurde.
Aber es macht deine Beobachtung deutlich weniger leicht als „subjektiver Eindruck“ abtunbar.
Gerade das Muster ist interessant: Bei anspruchsvollen Entwicklungsaufgaben besteht Qualität nicht primär darin, schönen Code zu generieren. Das Modell muss lange genug bei einem Problem bleiben, den tatsächlichen Stand überprüfen, Abhängigkeiten verfolgen, Fehler reproduzieren, Alternativen verwerfen und das Ergebnis anschließend nochmals kontrollieren.
Wenn man genau dort Compute kürzt, bekommt man nicht unbedingt offensichtlichen Unsinn.
Man bekommt etwas viel Gefährlicheres:
plausibel wirkende, aber oberflächlich erledigte Arbeit.
Und das passt sehr gut zu Erscheinungen wie:
- bestätigten Anker übersehen,
- eine Änderung vornehmen, ohne alle Folgen zu verfolgen,
- Tests oder Zustandswege nicht vollständig durchdenken,
- nach dem ersten plausiblen Fix aufhören,
- behaupten, etwas sei erledigt, bevor es tatsächlich verifiziert wurde.
Das ist ziemlich genau der Bereich, in dem zusätzliche Reasoning-Rechenzeit den Unterschied macht.
Und jetzt kommt der SemiAnalysis-Test wieder ins Spiel
Zusammen ergeben die beiden Informationen ein wesentlich interessanteres Bild.
SemiAnalysis stellt fest, dass insbesondere intensive $100-/200-Abos theoretisch
ein enormes API-Äquivalent verbrauchen können.
Dann haben wir wenige Wochen später einen dokumentierten Vorfall, bei dem OpenAI wegen
unerwartet hoher Nutzung unter anderem genau das interne Reasoning-Budget verändert und gleichzeitig Kontext- und Multi-Agent-Verhalten untersucht hat.
Ich würde daraus
keine geheime Absicht konstruieren.
Aber der wirtschaftlich-technische Zusammenhang ist offensichtlich:
Compute kostet Geld → Heavy User verbrauchen enorm viel Compute → OpenAI optimiert Inferenz und Reasoning → Veränderungen können die effektive Qualität beeinflussen.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Der mittlere Teil dieser Kette wurde von OpenAI selbst bestätigt.
Ein Detail macht mich dabei besonders kritisch
OpenAI schrieb im Juli, das Experiment sei
zurückgenommen worden.
Damit kann man mit diesem Vorfall
nicht erklären, warum eine konkrete Antwort von mir im September 2026 schlecht war. Das wäre unzulässig.
Aber er beweist, dass die technische Möglichkeit nicht hypothetisch ist und solche serverseitigen Änderungen tatsächlich vorgenommen werden.
Und OpenAI hat GPT-5.6 danach nochmals verändert. Am
6. August kündigte OpenAI selbst ein weiteres Update von GPT-5.6 Sol in ChatGPT an, einschließlich eines neuen Reasoning-Reglers und Änderungen am Antwortverhalten.
Das bedeutet wiederum:
„GPT-5.6 Sol“ vom Juli ist nicht notwendigerweise exakt dasselbe Produktionsverhalten wie „GPT-5.6 Sol“ im September, selbst wenn der Name identisch geblieben ist.
Mein Fazit zu dem Artikel
Der reißerische Titel von 36kr geht mir etwas zu weit.
„960 auf 128“ würde ich nicht als gesicherte Tatsache weitergeben.
Der wesentliche Vorwurf darunter ist aber
nicht erfunden.
OpenAI hat selbst bestätigt:
Es gibt interne „Juice“-Werte für Reasoning. Man hat mit diesen Reasoning-Einstellungen experimentiert. Man hat gleichzeitig Inferenz, Kontextgröße, Multi-Agent-Nutzung und Auto-Review wegen des Ressourcenverbrauchs angepasst.
Das verändert meine Bewertung deines Verdachts deutlich:
Ja, schwankende serverseitige Inferenzbudgets beziehungsweise Reasoning-Konfigurationen sind jetzt eine ernstzunehmende mögliche Erklärung für wahrgenommene Leistungsschwankungen.
Nicht bewiesen für
deinen konkreten Fall. Aber auch nicht mehr bloß Spekulation.
Und der eigentlich problematische Punkt liegt für mich noch woanders: Wenn jemand für
„Extra High“ bezahlt, sollte nachvollziehbar definiert sein,
was „Extra High“ garantiert. Momentan garantiert der Name offensichtlich keinen öffentlich spezifizierten festen Compute-Wert. Genau diese mangelnde Transparenz kritisiert der Artikel zu Recht.