Ich habe auch mal wieder ein Update. Nach einem Jahr Kleinkanzlei wechsle ich wieder zum vorigen Arbeitgeber mit >5.000 Leuten zurück.
Hauptgrund sind fehlende Prozesse, mangelnde Digitalisierung und auch Arbeitsmoral. Um das nicht einfach nur als Rant stehen zu lassen hier die Highlights:
Als Wirtschaftsprüfer prüft man Jahresabschlüsse und nutzt dafür eigene Software. Steuerberater nutzen zum Erstellen andere Software. Bei meinem Einstieg habe ich das angesprochen, wie es in einer Sreuerkanzlei, die auch prüft, aussieht, da ich das übernehmen sollte. O-Ton, da kümmern wir uns drum. Pustekuchen, ich habe in Word Saldenbestätigungen vorbereitet als wäre es 2005, sehr produktiv und sicher auch sinnvolle Ressourcennutzung. Für sowas gibt's eigentlich ein Backoffice oder Associates aus den ersten Berufsjahren.
Wirtschaftsprüfung ist kurzgesagt Prozessprüfung, Einzelbelege sind zwar für Tests of Control wichtig, ein sauber dokumentierter Prozess, aus dem inhärentes Risiko, Kontrollrisiko und Aufdeckungsrisiko hervorgehen, ist das Rückgrat einer Prüfung. Weiterhin gilt not documented - Not done. Mein Finding, nichts war dokumentiert, die Kanzleileitung hat sich das sicher alles selbst gemerkt. Berufsrechtlich fragwürdig, da fällt signieren moralisch schwer.
Nächster Punkt Digitalisierung. Als Kind der 90er arbeite ich nicht analog. Das ist ineffizient, nicht mobil und braucht unnötig viel Platz. Entsprechend kannte ich bis dato nur digitale Ablagen ausser für gesetzliche Schriftform.
Hier wurde ich eines Besseren belehrt. Bestes Gefühl ist, wenn man Vorjahreszahlen und Doku braucht, nichts im Dokumentenmanagement liegt und auf Nachfrage herauskommt, dass es sich über 3 Ordner verteilt, die irgendwo in der Kanzlei stehen. Top, wenn man grad beim Mandanten vor Ort oder zu Hause ist.
Dann gibt es Mitarbeiter, die sich aktiv gegen digitale Signaturen wehren, aber weil sie alt sind, darf ich sie nicht zwingen oder abmahnen.
Zum absoluten Highlight, die Arbeitsmoral. Ich verstehe, dass man nicht immer produktiv ist, ich pimmel auch grad hier im Luxx rum statt zu arbeiten, aber das Level war schon bodenlos. Die STFA fangen bevorzugt um 7 an (ich um halb 9). Was die bis dahin treiben ist nicht messbar. Dann macht keiner Mittag (angeblich lt. Erfassung), aber rumstehen und 20 min essen schreibt man mal nicht auf. Pünktlich nach 8 Stunden dann Stift fallen lassen und nach Hause, Fristen und Mandate macht man dann wohl später. Kenne ich von den Big Four nicht, da haben die Leute einen Drive und machen ihr Zeug fertig. Und bevor jemand fragt, die Stunden wären komplett vergütet worden.
Die Kanzleileitung geht mit gutem Beispiel voran und macht die gesamten Sommerferien Urlaub und ist nicht zu erreichen, auch ein echtes Highlight. Aber sorgt Euch nicht, den halben Oktober nach Plan auch, Arbeit ist auch überbewertet.
Mir hats davon einfach gereicht, entsprechend habe ich meinen letzten Chef angehauen, mehr Geld mitgenommen und bin ab nächstem Jahr wieder in der Großkanzlei, kleine Läden sind für mich definitiv gestorben.