Lian Li PC-X510 im Test - ein Luxusgehäuse alter Schule

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Lian Li PC-X510

In Win und Lian Li haben fast zeitgleich zwei absolute Luxus-Gehäuse vorgestellt - das In Win 909 und das Lian Li PC-X510. In zwei aufeinanderfolgenden Tests wollen wir deshalb klären, in welchem Modell die rund 450 Euro besser angelegt werden. Auf den Test vom In Win-Luxusgehäuse folgt jetzt der Test zum Lian Li PC-X510.

Anders als die recht junge 900er-Serie von In Win ist die PC-X-Serie von Lian Li schon lange als Premium-Serie am Markt. Das PC-X510 tritt deshalb in die Fußstapfen älterer und bewährter Modelle. Ahnherr ist das von uns 2009 getestete PC-X500 (Heft 6/2009). 2011 folgte als Update das PC-X500XF. Diese Tradition bietet für Lian Li die Chance, auf Bewährtem aufzubauen. Gleichzeitig könnte sie aber auch Innovationen ausbremsen, die bei einer neu entwickelten Serie zu erwarten sind. Daraus entsteht die große Frage, die sich mit Blick auf das PC-X510 stellt - ist es nur der neue Aufguss eines altbekannten Designs oder bringt es die PC-X-Serie auf den neuesten Stand? Und daran anschließen natürlich auch - ist das PC-X510 mit Blick auf neue Premium-Konkurrenz wie das In Win 909 überhaupt noch konkurrenzfähig?    

Rein äußerlich könnten die beiden Luxus-Gehäuse kaum unterschiedlicher aussehen. Wo In Win auf sanfte und gewölbte Formen setzt und das Aluminium silbern strahlen lässt (es gibt allerdings auch eine schwarze Variante), zeigt sich das PC-X510 als kantig-maskulines Gehäuse und immer in tiefstem Schwarz. Und obwohl beide Gehäuse viel Aluminium blicken lassen, verfolgen die Hersteller auch beim Materialeinsatz ganz unterschiedliche Philosophien. In Win verbaut für den äußeren Rahmen Aluminium mit einer extremen Materialstärke von 4 mm. Lian Li geht hingegen sparsamer mit dem Leichtmetall um. Dafür ist das PC-X510 aber gleich mal 9 kg leichter als das 909. Und dabei muss man auch bei Lian Li nicht mehr auf Echtglas verzichten. Der Aluminiumspezialist hat schon bei der PC-O-Serie mit gehärtetem Glas experimentiert und spendiert auch dem PC-X510 zwar keine Glasseitenteile, aber ein richtiges Glaswindow.

Lian Li PC-X510

Auch mit Blick auf den Flächenverbrauch ist das Gehäuse genügsamer. Bei einer Tiefe von nur 43,6 cm werden gegenüber dem 57,5 cm tiefen 909 knapp 14 cm eingespart. Trotzdem finden neben den obligatorischen ATX-Mainboards auch SSI CEB-Mainboards im PC-X510 Platz. Preislich nehmen sich die beiden Gehäuse hingegen tatsächlich wenig. Während der Verkaufspreis für das 909 mit 449,90 Euro angesetzt wurde, soll das PC-X510 459,90 Euro kosten. 

Lian Li PC-X510

Der Lieferumfang des Premiumgehäuses unterscheidet sich kaum von dem eines günstigen Lian Li-Modells. Neben der Bedienungsanleitung liegen Montagematerial (großteils in zugeschweißten Tütchen), ein Systemspeaker, drei kurze Kabelbinder, zwei selbstklebende Kabelhalterungen und drei Adapter bei. Außer den beiden Lüfteradaptern erhält der Käufer einen USB 3.0 auf USB 2.0-Adapter.

Bevor wir mit dem eigentlichen Test beginnen, hier die Eckdaten des Gehäuses in tabellarischer Form:

Eckdaten: Lian Li PC-X510
Bezeichnung: Lian Li PC-X510WX
Material: Aluminium, gehärtetes Glas (Window)
Maße: 240 x 620 x 436 mm (B x H x T)
Formfaktor: SSI CEB, ATX, Micro-ATX
Laufwerke: 6x 2,5/3,5 Zoll (intern)
Lüfter: 3x 120 mm (Front, vorinstalliert), 2x 120 mm (Rückwand, vorinstalliert), 2x 120 mm (Deckel, optional)
Gewicht: ca. 7,8 kg
Preis: 459,90 Euro

Einen ersten Eindruck vom Lian Li PC-X510 bietet unser Ausgepackt & angefasst-Video. Wir zeigen darin auch kurz noch einmal das In Win 909:


Lian Li PC-X510

Was Lian Li-Gehäuse vor allem auszeichnet, ist der Vollaluminiumaufbau. Sowohl das Äußere als auch Einbauten im Innenraum werden konsequent aus dem Leichtmetall gefertigt. Die fein gebürstete Oberfläche macht beim PC-X510 sofort klar, dass es sich um ein hochwertiges Gehäuse handelt. Das Design vereint darüber hinaus aber perfekt Understatement und Eleganz. Unterstrichen wird dieser Eindruck von einer makellosen Verarbeitung. Selbst die Status-LEDs fügen sich da bestens ins Bild ein.  

Lian Li PC-X510

Der Gehäusedeckel zeigt sich zwar geschlossen, das aber vor allem aus Gründen der Optik und des Staubschutzes. Wer möchte, kann die beiden Aluminiumabdeckungen entfernen und zwei 120-mm-Deckellüfter nachrüsten. Auch die Montage eines 240-mm-Radiators unter dem Deckel ist von Lian Li vorgesehen. 

Lian Li PC-X510

Im vorderen Teil des Gehäusedeckels sitzt der wertige Aluminium-Powertaster neben einer weiteren Abdeckung. Diese Abdeckung lässt sich nach hinten schieben und gibt dann das I/O-Panel mit den vier USB 3.0-Ports und den beiden Audiobuchsen frei. Auffällig ist eine Stelle seitlich der USB 3.0-Ports. Dort kann scheinbar ein ausgestanztes Teil gelöst und ein weiterer Anschluss nachgerüstet werden. Vielleicht wird Lian Li noch ein USB 3.1-Nachrüstkit anbieten?

Lian Li PC-X510

Weil die Front geschlossen ist, müssen die Frontlüfter ihren Hunger nach Frischluft auf einem anderen Weg stillen. Sie bedienen sich aus seitlichen Luftschlitzen. Die beiden Seitenteile können mit dem bekannten Lian Li-Mechanismus einfach vom Korpus abgezogen werden. Es müssen also noch nicht einmal Rändelschrauben gelöst werden, um das Gehäuse zu öffnen. Ein Highlight des PC-X510 ist das Window, das nicht mehr aus Acryl, sondern aus gehärtetem und getöntem Glas besteht. Dadurch ist es kratzunempfindlicher und wirkt deutlich wertiger. Das Window liegt außen auf dem Seitenteil auf. Aus optischen Gründen kann man das hinterfragen, es hat aber durchaus praktische Vorteile. So nimmt die doch immerhin rund 4 mm dicke Scheibe dem Prozessorkühler im Innenraum keinen Platz weg. Sie kann auch einfach ausgetauscht werden. Dafür sind nur vier Rändelschrauben zu lösen.


Lian Li PC-X510

Der Front-Silberstreifen der Vorgänger fehlt dem PC-X510 zwar, dafür glänzen jetzt aber die Standfüße silberfarben. PC-X500 und PC-X500XF standen noch auf schwarzen Füßen.

Lian Li PC-X510

Damit das Netzteil nicht verschmutzt, wird es von einem Staubfilter geschützt. Der Filter kann auf beiden Seiten des PC-X510 herausgezogen werden. 

Lian Li PC-X510

Das Lian Li Gehäuse ist zwar nicht sehr tief, aber hoch. Deshalb finden an der Rückwand auch gleich zwei 120-mm-Lüfter Platz. 

Lian Li PC-X510

Rückseitig ermöglicht außerdem ein Regler die stufenlose Steuerung der Lüfter zwischen 60 und 100 Prozent. Selbst dieser Drehknopf wirkt hochwertig. Dass die Lüftersteuerung selbst aber für Fragen aufwirft, wird beim Blick in den Innenraum deutlich.


Lian Li PC-X510

Für ein Gehäuse mit SSI CEB-Unterstützung ist die geringe Gehäusetiefe bemerkenswert. Lian Li erreicht sie durch einen gestapelten Kammeraufbau. Netzteil, Mainboard und die Laufwerke finden jeweils in eigenen und übereinander angeordneten Kammern Platz. Neben der geringen Gehäusetiefe ermöglicht dieser Aufbau eine direkte und effiziente Kühlung der hitzigen Komponenten im Mainboardsegment, denn der Luftstrom der Frontlüfter kühlt sie unmittelbar.

Lian Li PC-X510

Damit nicht nur die Luft für das Netzteil, sondern auch die für die Frontlüfter gefiltert wird, setzt Lian Li auf beiden Gehäuseseiten magnetische Staubfilter ein. Zur Reinigung können sie mit einem Handgriff abgezogen werden. Die drei Frontlüfter wurden auf eine robuste Lüfterhalterung montiert. Diese Halterung kann mitsamt der Lüfter ausgebaut werden. Das erleichtert auch die Montage eines Frontradiators (maximal 360 mm, mit Lüftern maximal 8 cm tief).

Lian Li PC-X510

Die Netzteilmontage in der Netzteilkammer ist etwas aufwendiger als bei den meisten anderen Gehäusen. Die rückseitige Netzteilblende wird entfernt, am Netzteil festgeschraubt und der Verbund dann vorsichtig von hinten in die Netzteilkammer eingefädelt. Anschließend ist die Netzteilblende wieder mit Rändelschrauben zu fixieren. Erschwert wird der Prozess durch die Abdeckung der Netzteilkammer, die mit dem Gehäusekorpus fest vernietet wird. Sie stellt aber immerhin zwei Laufwerksplätze (2,5 oder 3,5 Zoll) bereit.

Lian Li PC-X510

Die vier anderen Laufwerksplätze werden im Auslieferungszustand in der obersten Gehäusekammer genutzt. Auf zwei modularen Laufwerksträgern können wiederum je zwei Festplatten oder SSDs montiert werden. Nach dem Lösen der vier Rändelschrauben können die Laufwerksträger ausgebaut werden. So wird in der 13 cm hohen Kammer Platz für einen Deckelradiator geschaffen. Einer der Träger lässt sich dann hinter dem Mainboardtray installieren und dort nutzen. So logisch dieses Konzept klingt, hat es doch seine Tücken. Bei unserem Sample saßen die Rändelschrauben teilweise so fest, dass sie sich mit der Hand nicht lösen ließen. Ein regulärer Schraubenzieher lässt sich in der niedrigen Kammer aber nicht nutzen und ein geeigneter gewinkelter Schraubenzieher liegt dem Gehäuse nicht bei.

Dabei sieht Lian Li einen Ausbau der Laufwerksträger selbst für die Laufwerksinstallation vor. Während die Laufwerke an der Netzteilkammer einfach mit vormontierten Gummiringen an ihre Position geschoben werden (dort hat man gar keine Chance, von unten zu schrauben), sollen die Laufwerke in der Laufwerkskammer eigentlich richtig mit den Laufwerksträgern verschraubt werden. Solange die Laufwerksträger nicht ausgebaut werden können, ist eine Laufwerksmontage so nicht möglich. Was auch bei diesen Laufwerksträgern möglich ist, ist die Nutzung der speziell gestalteten Gummiringen, die eigentlich für die Montage oberhalb des Netzteils vorgesehen sind. Davon liegen aber nur acht Stück bei - eben genug für zwei Laufwerksplätze.    


Lian Li PC-X510

Hinter dem Aluminiumtray bleibt viel Platz für das Kabelmanagement. Lian Li hat nur wenige Kabeldurchführungen realisiert, diese aber anders als In Win mit Gummimanschetten kaschiert.

Lian Li PC-X510

Neben den Laufwerksträgern erscheint auch die Lüftersteueung fragwürdig. Lian Li liefert das PC-X510 mit fünf Lüftern aus. Die integrierte Lüftersteuerung stellt aber nur vier Anschlüsse bereit. Ein Y-Adapter, mit dem sich zwei Lüfter einen Anschluss teilen könnten, liegt dem Gehäuse nicht bei (er ist auch laut Bedienungsanleitung nicht Teil des Lieferumfangs). Noch skurriler wird es, wenn man die Frontlüfter anschließen möchte, denn die Kabellänge reicht schlicht nicht aus. Auch hier könnte Lian Li leicht mit Verlängerungen Abhilfe schaffen - sie werden aber ebenfalls nicht mitgeliefert. Letztlich lassen sich damit nur die beiden Rückwandlüfter mit der verbauten Lüftersteuerung regeln, die Frontlüfter müssen mit voller Drehzahl laufen. Wer die drei Frontlüfter nun mit Molex-Adaptern anschließen will, wird erneut im Stich gelassen. Lian Li liefert diese Adapter zwar tatsächlich mit, aber nur zwei Stück. 

Lian Li PC-X510

In Summe führten die angesprochenen Unstimmigkeiten dazu, dass wir für die Installation des Testsystems tatsächlich deutlich mehr Zeit als sonst benötigt haben. Immerhin kann sich das Endergebnis sehen lassen. Im tiefschwarzen Innenraum wird selbst das einfache Testsystem gut in Szene gesetzt und das Kabelmanagement zeigte sich anders als befürchtet nicht überfordert. 

Lian Li PC-X510

Obwohl das Sichtfenster getönt ist, lässt sich die Hardware doch gut erkennen. Dabei ist wirklich nur zu sehen, was sehenswert ist - also das Mainboardsegment. Netzteil- und Laufwerkskammer werden hingegen ausgeblendet. Das Nachrüsten einer Innenraumbeleuchtung würde sich also lohnen - gerade auch bei dem Echtglaswindow. Lian Li bietet selbst LED-Stripes an, hat das aber nicht genutzt, um dem PC-X510 eine Beleuchtung ab Werk zu spendieren. 


Neben der Verarbeitung und der Ausstattung des Gehäuses ist auch das Temperaturverhalten von elementarer Bedeutung.

Das Testsystem:

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Folgende Komponenten wurden verbaut:

Eckdaten: Testsytem
Prozessor: Intel Core i5-2400S
Prozessor-Kühler: Scythe Yasya, passiv gekühlt
Mainboard: Biostar H77MU3
Arbeitsspeicher: 4096 MB Crucial 1333 MHz
Festplatte: OCZ Arc 100 SSD 240 GB
Grafikkarte: Sapphire Radeon HD 7750 Ultimate
Betriebssystem: Windows 7 x64 Home Premium

Temperaturmessungen:

Um die maximalen Temperaturen des Prozessors zu ermitteln, wurde die CPU mittels des kostenlosen Stresstest-Tools Prime 95 für 30 Minuten ausgelastet. Da der Small FFT-Test erfahrungsgemäß die höchste Wärmeverlustleistung mit sich bringt, benutzen wir diesen Modus und protokollieren die maximalen Kerntemperaturen mit dem Systemtool Lavalys Everest. Die einzelnen Kerntemperaturen werden addiert und durch die Anzahl der physikalischen Kerne dividiert. Gleichzeitig wird die Grafikkarte mit dem Stresstest Furmark ausgelastet.

Die Betrachtung der Temperaturen im Idle-Zustand (= Leerlauf) wird zunehmend uninteressanter, da sowohl die Prozessor- als auch die Grafikkartenhersteller sehr gute Stromspartechniken entwickelt haben. Im Zuge dessen werden die Rechenkerne im Idle-Zustand heruntergetaktet und die Stromspannung reduziert. Infolgedessen wird die erzeugte Abwärme auf ein Minimum reduziert.

Unsere Messungen brachten folgendes Ergebnis hervor:

CPU-Temperatur

Grad Celsius
Weniger ist besser

GPU-Temperatur

Grad Celsius
Weniger ist besser

Beurteilung der Temperaturen:

Weil die Lüftersteuerung nur einen Teil der Gehäuselüfter steuern kann, haben wir einfach sämtliche Lüfter mit voller Drehzahl laufen lassen. Für die fünf 120-mm-Lüfter ist es ein Leichtes, das Testsystem auf niedrigen Temperaturen zu halten.

Lautstärkemessungen:

Für unsere Lautstärkemessungen nutzen wir ein Voltcraft SL-400 Schallpegel-Messgerät, das wir in 20 cm Entfernung vor dem Gehäuse platzieren.

Lautstärke in dB(A)

dB(A)
weniger ist besser

Allerdings sind auch bei diesem Lian Li-Gehäuse die Lüfter alles andere als leise. Über 44 dB(A) sind vielleicht noch beim Spielen mit lautem Sound vertretbar, ansonsten aber nicht dauerhaft zumutbar. Die Lüftersteuerung würde für Abhilfe sorgen - wenn sie denn alle Lüfter regeln könnte. Allein das Herunterregeln der Rückwandlüfter reduziert die von vorn gemessene Lautstärke immerhin auf 41,4 dB(A). 

Weitere Messungen in der Übersicht:

Höhe Prozessorkühler:

Maximale Höhe CPU-Kühler in cm

cm
Mehr ist besser

Bei 18 cm Abstand zwischen CPU und Sichtfenster können auch die höchsten Towerkühler problemlos genutzt werden. 

Grafikkartenlänge:

Maximale Grafikkartenlänge in cm

cm
Mehr ist besser

Auch bei der Grafikkartenlänge gibt es auf dem Papier keine Einschränkungen zu beachten. Die von Lian Li angegebenen 33 cm wurden aber nach unseren Eindrücken ohne Frontlüfter gemessen, d.h. die 2,5 cm Lüftertiefe sind noch abzuziehen. Damit würde es zumindest für einige überlange Grafikkarten eng. 

Platz für das Kabelmanagement:

Abstand zwischen Tray und Seitenteil in cm

cm
Mehr ist besser

Beim In Win 909 waren die knapp bemessenen 2 cm Platz für das Kabelmanagement noch einer unserer Kritikpunkte. Das PC-X510 muss sich diesen Schuh hingegen nicht anziehen, bleiben zwischen Tray und Seitenteil doch ganze 3,7 cm.

Materialstärke:

Stärke der Seitenteile in mm

mm
Mehr ist besser (unterschiedliche Materialien sind zu berücksichtigen)

Lian Li geht zwar nicht annähernd so verschwenderisch mit dem Aluminium um wie In Win (4 mm für den Aluminiumrahmen, die 5 mm gelten für die Seitenteile aus gehärtetem Glas). Bei einer Materialstärke von 2 mm kann man aber nicht meckern. Günstigere Lian Li-Modelle müssen mit deutlich dünnwandigerem Aluminium auskommen.   


Selbst für einen Hardwareluxx-Redakteur ist es nicht Alltag, zwei Gehäuse der 450-Euro-Klasse fast parallel zu testen. Bevor es ans Eingemachte geht, deshalb noch eines vorweg: Natürlich sind so teure PC-Gehäuse ein Luxus, den sich nur ein kleiner Käuferkreis leisten kann und will. Sieht man über das Gehäusesegment hinaus, erscheinen 450 Euro für eine PC-Komponente aber auf einmal gar nicht mehr ganz so extrem. Eine aktuelle High-End-Grafikkarte wird beispielsweise schnell noch deutlich mehr kosten, ist aber eine Investition, deren Wirkung viel schneller verpufft. Während ein gutes PC-Gehäuse locker mehrere Jahre lang genutzt werden kann, wirkt die Grafikkarte vielleicht schon mit dem nächsten Generationensprung veraltet. Wer beispielsweise seit 2011 den Vorgänger unseres Testgehäuses nutzt, besitzt mit dem PC-X500FX TYR auch heute noch eines der edelsten und beeindruckendsten Gehäuse überhaupt. Gegenüber einem aktuellen Gehäuse muss man fast auf nichts verzichten. Wirkliche Fortschritte gab es vor allem im Bereich der Modularität und damit der Eignung für eine Wasserkühlung - davon profitiert aber nur ein kleiner Prozentsatz der Nutzer.  

Doch was erhält der Nutzer, der aktuell 450 (bzw. 459,90 Euro) für ein Gehäuse ausgibt? Für die beiden von uns getesteten Luxusmodelle gilt gleichermaßen, dass es weder die vielseitigsten noch die nutzerfreundlichsten Gehäuse sind. Deutlich günstigere Gehäuse sind häufig viel flexibler, oft werden auch bessere Kühl- und vor allem Wasserkühlungsmöglichkeiten geboten. Doch trotzdem sind das In Win 909 und das Lian Li PC-X510 beeindruckende Gehäuse. Allein durch Materialwahl und Materialeinsatz, die makellose Verarbeitung und das jeweilige Design lassen sie die typischen Stahl-Kunststoff-Boliden weit hinter sich. Nutzern, denen es nur um Funktionalität geht, kann das egal sein. Doch wenn das PC-Gehäuse mehr ist als nur bloßer Stauraum für PC-Hardware, dann hängt plötzlich viel von dieser Außenwirkung ab. Ein PC-Gehäuse kann dann zum Einrichtungsgegenstand, zum Designobjekt, ja zum Blickfang werden. Und warum sollte ein leidenschaftlicher PC-Schrauber seinem mit viel Aufwand zusammengestellten und gepflegten System nicht auch eine besondere Behausung gönnen? 

Wer nun wirklich ein solches Premiumgehäuse kaufen möchte, hat es bei der Entscheidung zwischen dem In Win 909 und dem PC-X510 nicht leicht. Beide Gehäuse kombinieren auf beeindruckende Weise wertiges Aluminium mit gehärtetem Echtglas. Während das 909 mit dem umlaufenden Aluminiumrahmen und den Glasseitenteilen wie eine Kreation aus der Zukunft wirkt, zeigt sich das PC-X510 bodenständiger, aber nicht weniger edel. Welches Design man bevorzugt, ist letztlich Geschmackssache. Objektiv fällt beim Blick von außen auf, dass das hochgewachsene PC-X510 wesentlich weniger Stellfläche benötigt und im Vergleich mit dem 909 ein regelrechtes Leichtgewicht ist. Die Anschlüsse sind im Deckel auch einfacher zu erreichen als beim 909, dafür kann Lian Li keinen USB 3.1-Port bieten. 

Im Innenraum setzen beide Gehäusehersteller auf einen eher starren Kammeraufbau. Lian Li gestaltet zumindest die Laufwerksträger modular, muss sich gerade dafür aber Kritik gefallen lassen. Wenn die modularen Träger schon selbst zur Laufwerksinstallation ausgebaut werden sollen, dann müssten sie sich auch einfach ausbauen lassen. Ähnlich unverständlich ist, weshalb die Lüftersteuerung praktisch nur für die beiden hinteren Lüfter zu gebrauchen ist und die drei Frontlüfter ungeregelt bleiben. Gerade mit Blick auf die Tradition der PC-X-Serie fällt es schwer, Verständnis für solche Schwächen aufzubringen. Beide Probleme hätten sich sogar einfach über zusätzliches Zubehör - einen gewinkelten Schraubenzieher zum Lösen der Rändelschrauben, Verlängerungskabel und Y-Adapter für die Frontlüfter - lösen lassen. Die etwas umständliche Netzteilmontage kann man hingegen noch eher verschmerzen. Erst recht gilt das für den Verzicht auf manches Goodie - auch wenn beispielsweise Schnellverschlüsse für die Erweiterungskarten und eine integrierte Beleuchtung das Gehäuse noch etwas aufgewertet hätten.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist das PC-X510 ein durchaus angenehm zu nutzendes Gehäuse. Werkzeuglose Montagelösungen wie die abziehbaren Seitenteile und die Gummiringmontage der Laufwerke in den unteren Laufwerken erleichtern die Hardwareinstallation. Selbst für das Mainboard gibt es Rändelschrauben, so dass eigentlich nur für die oberen Laufwerksplätze und das Netzteil ein Schraubenzieher eingesetzt werden muss. Denkbar einfach lassen sich zudem die Staubfilter reinigen. Im geräumigen Innenraum und klar strukturierten Innenraum lässt sich komfortabel werkeln und auch für das Kabelmanagement steht (anders als im 909) viel Platz zur Verfügung.

Letztlich sind es nur die angesprochenen Praxisprobleme, die das PC-X510 in puncto Nutzerfreundlichkeit nicht am In Win 909 vorbeiziehen lassen. Mit Blick auf die werkseitige Kühlleistung überzeugt das Lian Li-Modell hingegen tatsächlich mehr. Die Frontlüfter können durch die großzügigen Lufteinlässe an den Seiten effektiv arbeiten und erreichen unterstützt durch die beiden Rückwandlüfter niedrige Temperaturen. Lian Li-typisch sind die Lüfter bei voller Drehzahl aber brachial laut, zudem wird der Nutzer auf 120-mm-Lüfter festgelegt. Dabei hatte Lian Li eigentlich schon beim PC-X500FX den Sprung auf 140-mm-Frontlüfter vollzogen. Eine Wasserkühlung kann prinzipiell in beiden Gehäusen genutzt werden (maximal finden 360-mm-Radiatoren Platz), anders als z.B. in Phanteks-Gehäusen gibt es aber keine speziellen Wasserkühlungsfeatures.

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Sowohl das In Win 909 als das Lian Li PC-X510 treten als Luxusgehäuse auf. Rein äußerlich werden sie diesem Anspruch allemal gerecht. Allerdings hatte bei beiden Gehäusen das Design auch oberste Priorität und teilweise Vorrang vor der Funktionalität. Das PC-X510 wäre eigentlich das etwas funktionalere und schlicht praktischere Modell, stolpert aber über einige störende Detailschwächen. Im direkten Vergleich der beiden 450-Euro-Gehäuse hat deshalb das futuristische In Win-Modell knapp die Nase vorn. Letztlich werden Käufer die Wahl zwischen den so unterschiedlich gestalteten Premiummodellen aber ohnehin nach ihrem persönlichen Geschmack treffen - und wer das Lian Li PC-X510 bevorzugt, kauft auch damit einen wahren Blickfang.

Positive Aspekte des Lian Li PC-X510:

Negative Aspekte des Lian Li PC-X510: